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Weltwirtschaft und Volkswirtschaft / von Heinrich Dietzel
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sinke sehr viel langsamer als Frankreich zum Industriestaat herab"(S. 7). Vermutlich ist diese Behauptung aus der berufsstatistischenTabelle deduziert, die er seinem Vortrag beigegeben hat. Danach sankder prozentuale Anteil der Landwirtschaftunter der erwerbsthätigenBevölkerung" in Frankreich von 46,3 (1881) auf 44,8 "/<> (1891),in der Schweiz von 45,9 "/<, (1870) auf 44 <>/<, (1888);unter derganzen Bevölkerung" dort von 48,8 °/g (1881) auf 45,7 (1891),hier von 42,5 °/g (1870) auf 41,6 (1888). In der Schweiz schritt also der Prozeß der Industrialisierung etwas langsamer vor-wärts;sehr viel langsamer" ist zu viel gesagt.

Aber lassen wir die Frage des Tempos auf sich beruhen. Darankann doch kein Zweifel sein, daß die Schweiz eines der blühendstenIndustrieländer" ist und eines der Länder, die hinsichtlich der Deckungihres Lebensmittelbedarfs am meisten vom Auslande abhängig sind,viel abhängiger als Frankreich ?Die vorhandenen Anbau- und Kultur-flächen genügen bei weitem nicht den Ansprüchen für die Nahrung,noch weniger für die industriellen Leistungen der Bevölkerung, die auf73 Einwohner pro ^in angewachsen ist gegen 66 in Österreich-Ungarn, 72 in Frankreich, 100 in Deutschland ". Dabei muß bedachtwerden, daßmehr als ein Drittel der Fläche der Schweiz Gebirgs-ödland ist V)

Mag sein, daß- dank dem Vorwiegen des kleinen Grundbesitzesin Frankreich und in der Schweiz die ländliche Bevölkerung hierzäher an der Scholle haftet" (Oldenberg, S. 7) wie in England undDeutschland . Vermutlich würde dort das Tempo der Industrialisierungein noch rascheres gewesen sein, wenn der große Grundbesitz vor-herrschte. Aber derwirkliche Grund" der Industrialisierung auchjenerBauernstaaten" und die nationalpolitische Legitimationdieses Prozesses liegt in dem, im Vergleiche zu den verfügbarenLebensmittel- und Rohstoffquellen, hohen Stande der Bevölkerung. Wennin der Schweiz wie in Frankreich eine beträchtliche VolksquotedemLockrufe des Kapitals in die hochrentable Industrie" gefolgt ist, so istsie nicht fehl, sondern recht gegangen. Dem nationalen Interesse,dem Produktivitätsinteresse, ist damit nicht minder gedient wie demprivaten Interesse sowohl der Kapitalisten an höchstem Profit, wieder Arbeiter an möglichster Hebung derRentabilität" ihrer Leistungen,an möglichster Lohnsteigeruna/)

-) Export, 1899, S. 502/503.

°) Die Frage, wie der Verkehr, bezw. wie die Industrialisierung zufolgeVerkehrs, auf Grundrente, Lohn, Kapitalrente wirke, hoffe ich demnächst ananderer Stelle ausführlich behandeln zu können.

Wie im Vorigen schon angedeutet, sind die wahren Antagonisten die