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worden, darf mit aller Bestimmtheit verneint werden. Im Durch-schnitt wohnen Reich wie Arm heute besser, meist weit besserals einst.
Hier stehen die Galoschen des Glückes bereit. Man sehesich doch um in den ,lzss,ux rsstes« der Vergangenheit, deren esin vielen Orten noch genug giebt — in den Häuschen mit engen,niedrigen, schlecht belichteten, schlecht zu lüftenden Stuben, schmalen,feuergefährlichen Treppen, dunklen Gängen, dumpfigen Kellern, wo ' -
früher die untere Klasse hauste, und vergleiche damit die Masseder Arbeiterwohnungen von heute, gleichviel ob in den „Miets-kasernen" der Großstädte oder in den ,eitss ouvrisrss" der Montan-und Fabrikbezirke! Dann wird man schwerlich noch leugnen, daß ^im Großen und Ganzen die untere Klasse gegenwärtig besserwohnt als früher; natürlich auch teurer. Aber die Steigerungdes Lohnniveaus — die Konsequenz der Steigerung der nationalenProduktivität, die nicht allein, aber zu einem Teile durch die Welt-wirtschaft bewirkt ist — gestattet der dienenden Schicht höhere An-sprüche zu stellen und mehr zu zahlen.
Der Pessimismus wühlt in den Wunden, die noch offen ge-blieben sind, kapriziert sich darauf, die Ausnahmen in grelles Lichtzu rücken, verschließt den Blick gegen die Regel — gegen die That-sache , daß im Allgemeinen die Mißstände im Wohnungswesen einstweit ärger waren als jetzt, nur früher weniger fcharf gefühlt wur-den. Daß wir die Mißstände, die leider heute noch vielerwärts sichzeigen, schärfer fühlen, rührt gerade daher, daß ein beträchtlicherFortschritt im Wohnungswesen erfolgt ist.
Die Nahrung ist allerdings nicht billiger geworden — siekönnte übrigens bei uns um einiges billiger sein, wenn die Agrar-zölle nicht errichtet wären! Aber „wesentlich besser" ist sie geworden.„Zu Beginn des Jahrhunderts — schreibt z. B. Conrad — er-nährte sich die Bevölkerung in der Tuchler Heide hauptsächlich vonKohl, wie noch jetzt der russische Bauer; dann ging sie zur Kar-toffelnahrung über. Noch in den 40 er Jahren galten Mehl undBrot auf dem Lande im Osten, besonders in den polnischen Ge-genden, für Luxusgegenstände, die nur ausnahmsweise genossenwurden. In den folgenden Decennien hat fortdauernd der Ge-