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Im Laufe der letzten Jahrzehnte sind England, Deutschland ,Frankreich, die Schweiz, Belgien „Industriestaaten" geworden;d. h. hier hat sich die nationale Wirtschaft dahin entwickelt, daßderzeit die Rohstosfproduktion hinter dem nationalen Bedarfs zurück-bleibt, die Industrieproduktion dagegen den nationalen Bedarf über-schreitet. Sie exportieren Fabrikate, importieren Materialien undLebensmittel. Allerdings exportieren sie auch Lebensmittel — wieSalz, Zucker, Bier, Branntwein, Wein — und Materialien — wieSämereien, Kohlen, Roheisen, Cement ; und importieren auch Fabri-kate in beträchtlicher Menge. Aber ihr Außenhandel erhält seineigenartiges Gepräge dadurch, daß in der Ausfuhr die Fabrikatevorherrschen, in der Einfuhr die Materialien — vor allem Erze,Hölzer, Textilstoffe — und die Lebensmittel.
Umgekehrt sind andere Völker „Rohstoffstaaten" geworden;d. h. hier hat sich die nationale Wirtschaft dahin entwickelt, daßderzeit die Rohstoffproduktion den nationalen Bedarf überschreitet,die Industrieproduktion hinter ihm zurückbleibt. Das Charakte-ristikum ihres Außenhandels bildet die Thatsache, daß im Exportdie Rohstoffe — Lebensmittel und Materialien — vorherrschen,im Import die Fabrikate.
Je nachdem der Export agrikoler oder der Export montaner Roh-stoffe überwiegt, bez. jener und dieser ungefähr gleiche Bedeutunghaben, lassen sich innerhalb der Gruppe der Rohstoffstaaten unterscheiden:Agrarstaaten — z. B. Rußland, Ungarn, die Donaustaaten, Brasilien ,Argentinien; Montanstaaten—z. B.Mexico, Chile; Agrar-Montan-staaten — z. B. Australien, die südafrikanischen Kolonien.
Wird diese Differenzierung der Nationen in Industrie- und inRohstoffstaaten, diese „kosmopolitische" Arbeitsteilung zwischenLändern, die einen Überschuß an Fabrikaten, und solchen, die einenÜberschuß an Lebensmitteln und Materialien erzeugen, dauern?
Von manchen Seiten wird heute die Frage mehr oder minderschroff verneint: es handle sich um ein nur kurzes Zwischenspielder Wirtschaftsgeschichte. Denn mit wachsender Ziffer und wachsen-der materieller Kultur würden die Rohstoffstaaten von heute sich„industrialisieren", würden künftig die Fabrikate, die sie jetzt vonden Industriestaaten beziehen, selbst erzeugen, die Materialien und
Dietzel, Weltwirtschaft und Vollswirtschast, 4