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Gehören etwa Kaffee, Thee, Reis — Baumwolle, Jute, Hanf,Wolle, Holz (oder soll die „intensive Landwirtschaftspflcge" so weitgehen, daß auch der Bedarf an Wolle und Holz voll aus deutschemBoden gedeckt werde?) — Eisen und Zinn — Gold und Silber,Kupfer und Kautschuk, die „Elemente" der Telegraphie u. s. w. —nicht zu den „Grundzügen" unserer heutigen Wirtschaft?
Auch nach vollständiger Emanzipation vom Brotkornimport desAuslandes wäre die „Knechtschaft" nur um ein Geringes gemindert;würden, wenn dereinst die rückläufige Bewegung Platz griffe, derenFolgen kaum minder schlimmer sein als in dem Falle, daß auch derBrotkornimport noch fortbestände.
Allerdings verhungern wir ja nicht, wenn dereinst die Brasilianerund Javaner ihren Kaffee, die Inder und Chinesen ihren Thee selbsttrinken, die Ägypter und Nvrdamerikaner ihre Baumwolle selbst ver-arbeiten und verbrauchen sollten. Wenn aber, wie Oldenberg meint(s. u.), der Wechsel in der Handelskonjunktur plötzlich hereinbräche, sokönnten dadurch Unternehmer und Arbeiter, die bis dahin die Fabrikateerzeugten, welche als Gegenwerte für Kaffee, Thee, Baumwolle u. f. w.exportiert wurden, in arge Not geraten.
Wer von dem Alb des „plötzlichen" Rückgangs von Export undImport beängstigt wird, kann nichts anders als eine Expansions- oderKontrollpolitik im großen Stil befürworten. Ist es Oldenberg ernstmit seiner Prognose und seiner Therapie — der Zusatz „in gewissenGrundzügen" öffnet allerdings eine Pforte, durch welche nian unbe-quemen Konsequenzen entschlüpfen kann — will er unser Volk vollbefreien aus der „latenten Fremdherrschaft", es wirklich sichern gegen dieGefahr der rückläufigen Bewegung, so muß er einer Weltmachtpolitikdas Wort reden, welche gewiß diskutabel, aber zweifellos weit„romantischer" ist, als die von ihm so betitelte, bisherige „Export-politik" oder „Welthandelspolitik" Deutschlands (die, nebenbei be-merkt, seit 1879 mehr von der Tendenz, den Import zn hemmen alsden Export zu fördern, geleitet wurde).
Ist nnter den „gewissen Grundzügen" nur die Brotkornproduktion,unter „elementarer Selbständigkeit" nur die kornwirtschaftliche Autarkiezu verstehen^), so ist das Programm Oldenbergs allerdings weniger
Neuerdmgs — in einer Äußerung zum Flottengesetzentwurf — hatOldenberg erklärt: „volkswirtschaftliche Selbständigkeit setzt planmäßige Pflegegerade nicht der rentabelsten, sondern der wichtigsten Produktionszweige vor-aus, d. h. derjenigen, in denen uns das Ausland zu überflügeln droht undderen Produkte wir nicht entbehren können."
Also z. B. auch der Produktion der Wolle, des Holzes, des Eisens,des Kupfers n. s. w.?