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romantisch — in diesem Falle muß aber die, von ihm so herbe ge-tadelte „abenteuerliche Exportpolitik", die „breitspurige Welthandels-politik" weiter betrieben werden. Hörte der Import von Brotkorn undauch der übrigen in Deutschland produziblen Lebensmittel — Fleisch-vieh, Eier, Gemüse, Obst, Wein — gänzlich auf, so würde doch, umden Import der in Deutschland nicht produziblen, oder nur unterweit ungünstigeren Bedingungen wie im Auslande produziblenLebensmittel und Materialien zu bezahlen, ein Export von mehrerenMilliarden Mark erforderlich sein; die „Fremdherrschaft" währte weiterund mit ihr das Risiko der rückläufigen Bewegung.
Wenn unsere Konsumtionssitten, unsere Produktions- und Cirku-lationsverhältnisse nicht eine radikale Verschiebung, und zwar eine Ver-schiebung, die die ungeheure Mehrzahl als einen schroffen Rückschrittder materiellen Kultur empfinden würde, erfahren sollen, so kanndie Forderung, daß „wirtschaftliches und politisches Gebiet in denGrundzügen sich decken", nur verwirklicht werden kraft einer„Weltmachtpolitik" a outranos. Erst dann, wenn wir Besitz oderzwingenden Einfluß in allen Zonen und Weltteilen gewonnen hätten,wäre die Idee der „elementaren Selbständigkeit" eine Thatsache ge-worden. —
2. Zur Kennzeichnung des Unterschiedes der Auffassung Olden-berg's und der Weltmachtpolitiker einerseits, und derjenigen derAgrarier andererseits.
Soweit die Argumente Ersterer den Letzteren passen, werde» sievon den Agrariern, wie oben schon gesagt (S. 39), bestens acceptiert.Aber im Ziele gehen die Bestrebungen dieser und jener diametralauseinander.
Den Agrariern ist Alles genehm, was man über die Gefahr derJndustriestaatsbildung sagt — sofern daraus die Konsequenz der„Einkapselung" der Kornproduktion innerhalb der schwarz-weiß-rotenGrenzpfähle gezogen wird. Sie stimmen auch Oldenberg noch dannzu, wenn er — in einer Äußerung zum Flottengesetzentwurf —betont, wir hätten „im Sinne der Selbständigkeitspolitik" das In-teresse, z. B. in China „ein eigenes Gebiet für Baumwollen-pflanzungen zu gewinnen, das wir auf die Dauer nicht entbehrenkönnen." Sie würden ihm auch noch weiter zustimmen, wenn er ver-langte, daß wir irgendwie nnd irgendwo Länder uns aneignen sollten,die uns gestatten würden, Eisen, Kupfer, Zinn, Jute, Hanf, Wolle —„hier stock' ich schon" — auf Boden zu gewinnen, der „unter demsicheren Schutz unserer Kanonen steht".
Aber — sobald er die Forderung vertreten würde, die ihm ammeisten am Herzen liegen müßte, weil sie der für ihn schlimmsten