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sein, daß dieser Nexus nicht ewig währen, daß er dereinst loserund loser werden wird und damit die nationale Dividende herab-gehen. Weshalb aber sollte die heutige Generation eine Verkürzungdes materiellen Genießens sich auferlegen, die sie vermeiden kann?
Solche asketische Politik ließe sich nur aus der Befürchtungrechtfertigen, daß die spätere Generation plötzlich durch die rück-läufige Bewegung der Exportindustrie betroffen werden und da-durch überaus große Verluste erleiden könnte. Dann dürfte vonden Lebenden gefordert werden, daß sie kleineres Übel auf sichnähmen, um den Nachkommen größeres Übel zu ersparen.
Jene Befürchtung ist aber nicht minder gegenstandslos, wiedie des plötzlichen Bersiegens des Brotkornimports. ^) Die Vor-wärtsbewegung der Rohstoffstaaten von heute auf der Linie gewerb-lichen Fortschrittes kann nur allmählich erfolgen. Und mögen sie,einer nach dem andern, der eine in rascherem, der andere in lang-samerem Tempo sich industrialisieren, so werden andere Nationen,die derzeit als Fabrikatenkunden und Rohstofflieferanten nochkeine Rolle auf dem Weltmarkt spielen, allmählich ihr Angebotan Lebensmitteln und Materialien"), und entsprechend ihre Nach-frage nach Fabrikaten steigern — werden die Rohstoffstaaten derZukunft sein, deren Kundschaft die jener ersetzt.
In England, Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Belgien — überall ist das Emporkommen der Gewerbe auf ihre jetzigeHöhe das Ergebnis langjähriger, hinsichtlich mancher Gewerbe rechtlahmer Entwickelung gewesen. Auch in den Rohstoffstaaten derGegenwart — z. B. in Rußland, Ostasien, Argentinien, Australien —wird es nicht im Sturmschritt vor sich gehend) Industrien schießennicht von heute auf morgen ins Kraut. Für jede neue Branchemuß erst das Geld flüssig gemacht, müssen die personalen Kräftegeschult, Bauten und Betriebsanlagen hergerichtet werden; in aller
') Vgl. darüber unten zu L.
°) Über die Möglichkeit des Mehrangebots von Lebensmitteln s. u.
°) Die Fabel, daß die industrielle Eutwickelung in diesen Ländern sichbisher in überaus rascher Weise vollzogen habe, kann hier nicht widerlegt wer-den. Vgl. z. B. über Rußland meinen Artikel „die Theorie von den dreiWeltreichen" (Nation, 1900, Nr. 33).