244
Die Bildung der Parteien.
mußte, und seine Auseinandersetzung mit den Kleift-Retzow undGerlach im Abgeorduetenhause von 1873 zeigen, daß die junkerlicheRichtung uuter dem Adel auch noch die Umwälzungen von 1866und 1870 überdauerte. Sie macht sich auch noch heute geltend,und die in bürgerlichen Kreisen immer wieder austauchende Oppo-sition gegen das Heer, wie die Gegnerschaft in den süddeutschenStaaten gegen Prenßen zieht ihre Nahrung vorzugsweise aus demEinfluß dieser junkerlichen Elemente des Adels.
Es wäre unrichtig, wollte man diese Entwicklung des Land-adels nur auf egoistische Motive zurückführeu, oder mit demhalb metaphysischen Gedanken erklären, daß eine herrschende Klasseihre Privilegien immer und unter allen Umständen zu behaupteusuche. Sind doch viele der tüchtigsten Vorkämpfer der Reformgerade aus diesem Adel hervorgegangen. Die Schwierigkeit derFragen, der Streit der Meinungen über jedes wichtige Gesetz, derEinfluß endlich der ganzen Stimmung der Zeit der Restanrationkamen hinzu und vereinigten sich mit der wirtschaftlichen Notlageder meisten Grundbesitzer, um sie in jeder Resorm, die an ihrenPrivilegien rüttelte, ein Unrecht und zugleich eine falsche Politik,einen Unsinn erblicken zu lassen. So wurden die adligen Grund-herreu in eine Strömung gedrängt, die sie dann weiter und weiterführte. Sie fühlten sich als eine in ihrem Rechte bedrohte Klasse,nannten sich mit Stolz Junker, betrachteten jeden Standesgenossen,der nicht zur Fahne der gefährdeten Klasseninteressen hielt, alsÜberläufer und waren geneigt, Feigheit und Strebertum alsMotive seiner Haltung auzunehmeu. In den Briefen und Redendieser vornehmen Herren von dem alten Marwitz bis zu den Pfeilund Plötz, die gegen die Gemeindeordnnng von 1350 und für diePolizeigewalt der Grundherren wie für ihr Jagdrecht stritten, be-gegnen Wendungen und Anschauungen, deren Analogie mit demPathos des heutigen Klassen kampses der Arbeiter sich jedem Be-obachter aufdrängt, sollte er auch geneigt sein, diese Thatsache eherPeinlich als erfreulich zu empfinden. Namentlich die gehässige Be-urteilung und die abschätzige Behandlung der Geuossen, die uichtzur Fahne halten, bieten greisbare Analogien.
In der litterarisch lebhaft erregten Zeit ergab es sich von