Fernows Urteil. — Die antiken Vorbilder.
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ihm abgewichen. Denn es galt, die in Rom versammelten deutschenKünstler vor seiner Manier zu warnen, damit nicht abermals einestarke Persönlichkeit die Kunst auf Bahnen lenke, welche statt aufdie Antike hin, von dieser wieder wegführe.
Solchen Ansichten gegenüber, bei einer vollständigen Unter-werfung des Kunstempfindens nnter die Regel, einem Schauen reinmit den an der Antike geschulten Augen mußte die Kunst eine be-stimmte Richtung nehmen. Rom bot damals ja schon eine Reihevon Werken, welche die neuere Archäologie für Arbeiten der großenFrühzeit hellenischer Bildnerei ansieht. Aber das, was damalsnach Winckelmann für das Höchste gehalten wurde, der Apoll vonBelvedere , der Herkules von Belvedere, die Niobiden, der Laokoou,die Kolosse ans dem Monte Cavallo sind ja längst als Werke derspäten, alexandrinisch-hellenistischen Zeit erkannt worden. WennWinckelmann , dem Montesqnien folgend, die Entwicklung der Kunst-geschichte nach Art des Wachsens nnd Vergehens einer Pflanze geist-voll schilderte, so verwechselte er, wie wir setzt aus besserer, jedenfallsreicherer Sachkenntnis wissen, doch häufig genug die verschiedenenStufen des Werdens. Der Phidias , wie er ihn sich aus derKenntnis des Kolosses auf dem Monte Cavallo, aus der Athene-büste in Dresden und aus den alten Beschreibungen seiner Werkeentwarf, deckte sich wenig mit jenem, wie er seit 1818 in London durch die Werke des Parthenons bekannt geworden war. Nicht dieBlütezeit der Antike mit ihrem Suchen, ihrer Sehnsucht uach Wahr-heit, ihrer herzlichen Einfachheit und ihrem naturalistischen Ernst,sondern die Zeit nach starkem Ausdruck strebenden Könnens, eineridealistischen, über die Naturformen stilistisch schaltenden Zeit gabenfür den jungen deutschen Hellenismus den Ausschlag. Er erbtevou Mcngs und vom 18. Jahrhundert den Jrrtnm, daß man dasFertige uen beleben, das Reife verjüngen könne. Er glaubte zwareiuzusetzen bei der Blütezeit antiken Schaffens, aber er war selbstzu altklug, zu wenig jugendlich um wahre Jugend zn verstehen.Er klammerte sich an das Angereiste. Dieses, nicht die Werke einesPhidias bestimmten den Geschmack der Kenner der Antike, diesesgalt als jene Schönheit, in der sie die einzig mögliche, unabänder-liche Form nnd Vorbild vollendeten Schaffens sahen. Ans ihnen