Der Maler Müller, -
Carstens in der Nachwelt.
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Nicht ein Original sei er, sondern ein Mann von gutein Erinnernngs-vermögen, fähig, sich aus Anderer Werke zu besamen. Das seheman an Carstens „Probestückchen", die im wesentlichen PrunkvolleAufdeckungen auswendig gelernter Muskel- und Falten - Phraseuseien, unschicklich an Kupferstiche von Michelangelo und Rafaelerinnern. Die unförmige Vergrößerung der Fleischmassen uud auf-fallende Perkleinernng der Glieder, die Unachtsamkeit auf Richtig-keit in den Bewegungeil gähut ihn beim ersteil Blick an, erzergliedert sie an der Hand der Anatomie. Der Borwurf derNachahmung sei ja kein entehrender: auch Rafael ahmte Michel-angelo nach: doch die Weise, wie er annimmt nnd anwendet,zeichnet ihn ehrwürdig aus uud läßt auch da, wo er keine Ausprüchemacht, den Grad des eigenen Vermögens erkennen. Wohl aberwürde die Originalität ohne hinlängliche Kraft sich nicht lange obenerhalten, wenn ihr nicht der Reichtum der Kunst, die richtigeKenntnis der Gestalten und die Wissenschaft der Mittel zu Hilfe eilte.Darum weift Müller deu Carstens auf die alteil Meister, um densachlichen Teil seiner Kuust, gut nnd schön malen, eine Figurwirklich vollenden zu lernen; und auf die Natur, damit seineStudien mehr Sicherheit erlangen. Seit Rasael habe nicht so vielreiner Geschmack geherrscht, lvie bei deu heutigen Künstlern, trotzder ungünstigeu Weltlage.
Der Streit zwischen den beiden Parteien war ohne Sieg, wieder Streit zweier, die in unverstandener Sprache miteinander hadern.Müller sah eben nicht, wie dies Fernow mit so stürmischer Be-geisterung that, in Carstens Gestalten Griechen, nicht in seineilZeichnungen nnd Aquarelleil fertige Meisterwerke. Und er sagtsehr richtig, daß, weun darüber keine Verständigung möglich wäre,würde das klügste sein, sich die Hände zu reichen uud jeder seinesWegs zu gehen. Er sieht eben dort, wo Feruow Achill und dieZeinen versammelt findet, ein paar Dutzend griechischer Bauern-schulzen, die sich verbanden, Troja zu plünderu, Kumpane aus deuHerbergen von Jan Steen und Adrian Brouwer . Daß er nurdies sieht, kaun er nur iu aller Ehrlichkeit betoueu, sreilich nichtbeweisen.
Die folgende Zeit gab Fernow Recht. Sie sah in Carstens
Gurlitt. lg. Jahrh. 4