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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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IV. Die Landschaft.

gehenden Empfindung beurteilt werde. Es läßt sich daraus er-klären, sagt Krug, warum Künstler so empfindlich gegen den Tadelauch nur einer Stimme im gebildeten Publikum sind. Sie müssendarauf rechnen, daß das wahrhaft Schöne jedermann gefalle, undkönnen die Trefflichkeit ihrer Werke dnrch nichts anderes be-weisen, als durch den Eindruck, den sie auf gebildete Gemütermachen. Das ist ein sehr beherzigenswerter Spruch, doppelt be-herzigenswert für die Kritiker, die unter Kants Einslnß standen. Wieschwer hätte einem solchen ein tadelnder Ausdruck werden müssen,wenn er sich auch nur halbwegs einen Begriff von dem Ernsteseines Amtes gemacht hätte.

Sieht man Schorns Kritik durch, so könnte man kaum in ihreinen gerechten Anlaß znm Zorn finden, wenn es sich hierbei umeinen Kampf Gleichbewaffneter gehandelt hätte. Kritik ist doch wohldas Messen der in gemalten oder gemeißelten Werken dargelegtenGrundanschauungen des Künstlers mit denjenigen des Ästhetikers.Beide halten ihreewigen" Gesetze der Kunst für richtig, eine höhereEntscheidung wird dem Leser zugewiesen, dem doch das Recht derKritik auch über den Kritiker zusteht. Nun redet der schreibendeKämpfer immer oder doch zumeist in einer Form, die dem bildendenzu antworten unmöglich macht. Der Leser liest die kritische Ansicht,sieht aber die gemalte und modellierte nicht, kann also nicht gerechtentscheiden. Jene legt den Hauptwert auf die Darlegung des Wider-streits der Grundsätze, diese giebt die ihrige in verarbeiteter, also um-schleierter Form. Der Kritiker, obgleich er sich mit der zur Ent-scheidung vorliegenden Frage vielleicht nur ebenso viel Minuten alsder Künstler Wochen beschäftigt hat, ist unbedingt im Vorteil undbenutzt diesen, um nicht nur das Kunstwerk, sondern sehr viel mehrum den Künstler selbst zu schädigen. Der Nntzen, den er dnrchLob bereitet, ist hiermit gar nicht zu vergleichen. Denn das Lobist eine naturgemäße Forderung für die ausgezeichnete Leistung,nicht ein Geschenk des Kritikers. Seinen Tadel aber braucht erbloß zurückzuhalten, um die Einstimmigkeit der Beschauer wenigstensscheinbar aufrecht zu erhalten. Jene, die das Werk selbst noch nichtsahen, werden dann wenigstens nicht vorher gegen dieses eingenommen,nicht darauf hingewiesen, daß es jene Einstimmigkeit nicht erwecken konnte.