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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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V. Die Nomantiker.

Bild kennen nur noch die Knnstgelehrten, so weit verbreitet einst auchdie Abbildungen waren. Keine Darstellung eines Dichterwerkesaus jener Zeit hat sich erhalten, während die Dichter selbst nochleben. Die Idee ist nicht verwirklicht worden, wie man hoffte.Das Werk ist nicht dnrch den Pinsel klarer geworden. Es lebt inseiner Klarheit ohne ihn!

Die Geschichte hat also auch den Propheten unrecht gegeben,welche die Düsseldorfer als die Bringer des Vollendeten feierten.Denn kein Hahn kräht mehr nach ihren Werken. Schadow ist un-widcrsprechlich der specialistischen Kunstgeschichte verfallen. Nichtein Piuselstrich seiner Hand lebt im Gedächtnis der Nation. Nurals eine typische Erscheinung ist er für uns noch bemerkenswert.

Daran sind zwei Dinge schuld: erstens der Mangel einerwirklich starken Persönlichkeit und dann die Fehler des Lehrsystemes,die bei Künstlern von so ausgeprägter Schule doppelt klar hervor-treten mnßten. Sie kranken trotz allem vermeintlichen RealismusamGedanken". Sie malen nicht ein innerlich Geschautes daskommt nur in dem kurzen Augenblick des Komponierens zur Gel-tung, sondern sie bauen dies mit schwerfalligen Mitteln aus. MitRecht blieben viele beim Komponieren, andere beim Karton stehen.Sie verloren die Lust zu der mühseligen Arbeit, das Erdachte inder Natur zu finden, erst die Form und dann gesondert die Farbe.Es war, als wollte man den Dichter lehren, erst sein Gedicht inProsa zu schreiben, dann nach einem passenden Versmaß zu suchen,es nun erst in Verse, endlich in Reime zu bringen, eines nach demandern.

In der Jugendzeit dieser Künstler half ihnen die Frische ihresgemeinsamen Schaffens über die Schwierigkeiten hinweg. EngeFreundschaft verband die besteu unter ihnen, namentlich den Kreisjunger Berliner, der Schadow gefolgt war. Sie verband die Gleich-heit der großstädtischen Bildung, die sie zn gleicher Auffassung derLebenspocsie gelangen ließ. Die psychologische Absicht der Romantik,das Vertiefen in Seelenzustünde namentlich trauriger Art, dasHerumwühlen in innerem Schmerz, das künstliche Sichversenken infremde Leiden bot ihnen wohlthuende Erschütterung. An sich jugend-lich frische Leute gefielen sie sich in Heineschen Leiden. Das Elend