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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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V. Die Romantiker.

nii mir wirksam machen kann. Aber dieser Reiz galt damals alshöchstes künstlerisches Ziel. Schadow selbst erzählt, wie unterheftigem Weinen in seinen Werkstätten gemalt wurde natürlichschlecht, mit getrübtem Blick. Theodor Hildebrandt war es haupt-sächlich, der durch Einslechten von Gefühl das Mittel zwischenGeschichts- und Sittenbild fand, diesem einen gedanklichen Inhalt gab.

Es war den Deutschen damals nicht klar, daß ein Neuesnicht geschaffen wurde, daß die Engländer dieses Gebiet der Düssel-dorfer Schule schou längst reich bebaut hatten, namentlich anThräuenseligkeit kaum noch zu übertreffen waren. Doch inDüsseldorf kannte man wohl zweifellos solche Werke: die englischenStiche überschwemmten die Welt, in englischen Romanen, namentlichin Walter Scott war der Ton meisterhaft getroffen. Die Mischungvon geschichtlicher Stimmung und modischer Empfindung gefiel denZeitgenossen; das Heldentum gepaart mit der matten Weichherzigkeitder Zeit, der Idealismus, der draußen lag im unumstrittenen Ge-biet der Poesie und drinnen im harten Tagesleben niemanden darinstörte sein eigenes Zwecklein selbstsüchtig zu erstreben: das gab Zu-stände, in dem es dem Philister Wohl ist, in dem er das Gefühldes Herrschers seines Geistes hatte: Sitte und Wohlanständigkeit!

Graf Raczynski sagt, Wilkie, der angesehenste aller englischenGenremaler, habe eine Art die Gegenstände aufzufassen und eineRichtung des Geistes, der sich die Düsseldorfer Künstler häufigannähern und der sie sich ohne Gefahr noch mehr nähern könnten.Er sagt hier sehr vorsichtig eine Wahrheit, der man auch einekräftigere Fassung geben kann: Düsseldorf wurde die Trittstufezum Sprung über den Kanal. In der Genremalerei zeigte sichzuerst die Abhängigkeit von England , die niemals zugestaudeue.Weun z. B. Rudolf Jordan in Deutschland einen Ruhm als Fiuderder Poesie bei der Seebevölkerung erntete, ist's ärgerlich zu sehen,daß William Collins ihm dieselben Gedanken und dieselbe Dar-stellungsart vorweggriff. Die Kunst, die Jordan bietet, ist nichtso sehr seine, als man annahm; sie stammt zumeist vou dernormannischen Küste, wo damals die Engländer Künstlern allerVölker das schlichte Sehen lehrten, die Einfachheit der künstlerischenAbsicht. Der Düsseldorfer Hnmor, wie er sich in Adolf Schrödter