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für seineil Vater, hingewiesen. Also haben wir in dessen Schriftendie gewünschte Unterlage für eine dem Maler selbst angenehmeKritik. Bleibtren, so heißt es in dieser, ist kein Sklave der Wirk-lichkeit in dem Grade, daß er auf eine künstlerische Kompositiondes geschichtlichen Vorganges verzichtete. Zwar giebt er ein Bildvon unmittelbarster, überraschender Wahrheit in Erfassung desAugenblickes voll fesselnder Gruppen und Einzelfignreu, die mitphotographischer Treue nach dem Lebeu gezeichnet zu sein scheinen,aber im Aufbau wie in der farbigen Haltung spricht auf seiueuGemüldeu stets der Künstler das erste Wort. Dadurch pflegt erseine Werke über die Gleiche des militärischen Genrebildes, wie esdie frühere Generation der Berliner Militärmaler gepflegt hatte,in die höhere Sphäre der Historienbilder zu erheben. Nur steif-leinene Halbkünstler und Macher, fügt Bleibtreus Sohn 1896hiuzu, verwerfen die sorgfältigen Linien einer harmonisch geordnetenund gegliederten Komposition als angeblich akademisch und un-realistisch.
Weiter sei der altidealistische Riegel um seine Meinung überBleibtreu gefragt: Er warnt vor den Werken patriotischen Inhaltszu größter Vorsicht. Wie leicht werde dieser Inhalt zur Hebung desSouderpatriotismus benutzt. Gewisse Gemälde iu Dresden undMünchen richten sich daher von selbst. Die künstlerische Phantasiemüßte von patriotischer Begeisterung ergriffen sein, jedoch allerpraktischen Absicht entbehren. Bleibtren sei aber erst Patriot unddann Maler, er rünme dein Zweck seines Gegenstandes die künstle-rischen Gesetze nnter; das wäre seine Schwäche. Die nrsprünglicheLeideilschaft, die gewaltige Bewegung und heldenmütige Charakter-zeichnung seien aber als Gegengewicht bei seiner Schätzung in dieWage zu legen.
Uud uoch ein letzter, ein Moderner, Muther: Er erwähntBleibtreu nicht, ihn so wenig wie Camphauseu und fast die ganzedeutsche Schlachtenmalerei. Das ist gewiß nicht Vergeßlichkeit,sondern eiue beabsichtigte Verurteilung des ganzen Betriebes.
Nicht als Oberrichter will ich mich hier einsühren, sonderudas Werk am gleichzeitigen Urteil wägen: Ist's nicht idealistischeForderung, daß die Kunst edle Gefühle wecken soll? Warnm denn