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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

über die Derbheiten der Dörfler. Ostade ist nicht viel reicher. Vielesan ihm ist schon Übertreibung des Häßlichen und zwar eine solche,welche dem gebildeten Beschauer schmeichelt. Denn sie macht ihmklar, wie viel besser er sei als die Dargestellten. Der Baner bleibtneben dem Raucher, dem Trinker der bevorzugte Gegeustaud derSittenmalerei. Einzelne Künstler suchen sich später uvch ihreeigenen Gestalten: der die Zahnbrecher oder Marktlente, jener dieTroßknechte und Soldaten. Andere machen den Versuch, das Bildniszn einem Sittenbild der vornehmen Welt auszugestalten. Einerganzen Reihe vou Künstlern gelingt es, auch die bessere Gesellschaft,die, in welcher die vornehmeren nnter ihnen wirklich lebten, sitten-bildlich zu ersassen. Aber wenn man die Leiter der dargestelltenEmpfindungen genauer beschaut, wird mau mir bei wenigen, wie etwabei Jau Steen, viele Sprossen an ihr finden. So mächtig ein FranzHals die Neueren überragt im Erfassen eines ganzen Menschen mitallen seiueu körperlichen nnd geistigen Eigenschaften, in der Fähig-keit, das Bildnis zum Werke der größten Kunst auszugestalten,den Meuscheu iu seiner vollen Tiefe zu ergründen nnd durch dieFarbe zu neuem Leben zu erwecken: so eigenartig ist doch dasStreben der Neuen, die niederländische Kunst aus modernes Lebenzu verpflanzen, ihm hier nene Darstellungsgebiete z» erschließe»,llud so viel reicher die neuere Dichtung in der Knnde seelischerBorgänge ist als irgend eine frühere, nm so viel ist es auch dieMalerei. Ich weiß sehr wohl, daß diese ius Kleine gehende Mal-weise der Dichter wie der Künstler nicht eine große Knnst macht,aber sie ist unserem Jahrhundert eigen, über deren letzten Wertzn entscheiden uns noch nicht zukommt. Wie feine Köpfe im18. nnd 19. Jahrhundert mit Achselzucken Franz Hals als halb-schürigen Meister ablehuten, audere ihu wieder zu Ehren brachten,wie also über ihn trotz der Einigkeit der jetzt lebenden Kuust-gelehrten in seiuem Lobe damit das letzte Wort für die Zukunftuoch nicht gesprochen worden ist, so auch uicht über die Sitteu-malerei, wie sie Knaus, Bautier und Desregger oder jene, wie siedie noch vor kurzem gering Geachteten: Schmidson, Petten-kofer, Heilbutt), Spitzweg , Ludw.Burger, Hermann Kaufs-mann malten.