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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Volkskunst,

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fähigkeit. Sie begnügt sich nicht mit glänzenden Wirkungen, voll-endetem Schein körperlichen Seins und meisterlicher Stoffdarstellnng-sie erstrebt Wahrheit des Wesens, Heransbildung jedes Vorgangeszu wahrhaftem Eiuzellebeu. An Stelle der herkömmlichen undschattenhaften Gestalten der kirchlichen Malerei gewöhnlichen Schlageswie der geprieseneu Leistungen sinnbildlich-geschichtlicher Art, anStelle der mit Sammet uud Seide, Federhut und Stulpenstiefelnausgeputzten Modelle der Geschichtsbilder traten nun, wenigsten nachdem Urteil der Zeitgenossen, bei den Sitrenmalern echte Mensche»auf, die srei von aller Verflachuug, allein angelernten Wesen er-schienen. Treuherzigkeit, Redlichkeit, Kraft des Wolleus und Em-pfindens waren ebenso wie rauhe Eckigkeit, zäher Trotz, derbeTölpelhaftigkeit am Platze; aus alleu leuchtete die Macht innerenLebens hervor, nnd wie die da gehen und stehen, giebt sich jeder,wie er ist.

Vergleicht man die deutsche Sitteumalerei des 19. Jahrhuudertsmit der holländischen des 17., so findet man zwei unterscheidendeMerkmale: Die größere Frische und naturwüchsige Kraft, bei denAlten; den größeren Umfang der seelischen Beobachtung nnd mit demUmfaug auch die größere psychologische Verfeinerung bei den Neuen.Nur weuige unter den Holländern, Franz Hals und Nembrnndt ander Spitze, habeil auuäherud die Vielseitigkeit des Ausdruckes wie dieMaler der jüugst verflossenen Zeiten. Viele von diesen sind zu weitgegangen; mir zu oft drängt sich jenes Mehr in der Betonung derseelischen Vorgänge auf, welches deu Köpfen uud Gestalten dasWesen des künstlichen Darstellens ihrer eigentümlichen Lage undEmpfindungen giebt, den Bildern einen schauspielerischen Zug ein-bringt. Doch ist die Thatsache nicht abzuleugnen, daß in der Sitten-malerei ein ganz außerordentlich tiefes seelisches Erkennen nieder-gelegt ist, daß hier das mit Fleiß geübte Naturstudium thatsächlichEutdcckuugeu hervorbrachte, der Welt Neues. Eigeuartigcs gab. Überder Tonfeinheit und den malerischen Werten des jüngeren Teniersübersieht man nur zu leicht, daß er trotz einzelnen Seitcnsprüngengeistig mir ein Jnstrnment spielt, nämlich die Vanernwelt, die ihmein Größerer, der alte Breughel, erschlossen hatte, nnd daß er auch

hier nur einer Saite Ton giebt, den des vornehm lächelnden Hohnes

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