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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

Jahrhundert der Menge verloren. Sie wieder heranzuziehen ist dieAufgabe der Kunst. Diese soll den Zusammenhang mit dem Volkesuchen. Sie soll das ihm Angemessene darstellen. Wer da predigte,ein schon geformtes Bein sei ein würdigerer Gegenstand der künst-lerischen Darstellung als gelbe Lederhosen, ein jungfräulicher Leib iuseiuer zarten Entfaltung reizender als ein schmutziger Büffelkoller,die Antike iu jedem Atom herrlicher, als die moderne Welt, fandjetzt nur noch wenig Zuhörer; das augenfällig Verständliche warTrumpf. Springer findet es natürlich, daß die Knust sich demVolke zuwendet; dort liege ihr Ziel. Und wenn er ihr damitwirklich das richtige Ziel angab, so hat die Knust dies im höchstemGrade erreicht. Die Kunst der sechziger bis achtziger Jahre warvolkstümlich, gefiel der Menge, mag man das nun mit Springerals ihre Tugend, oder mit seinen Schülern als ihr Laster ansehen.

Einkehr in das Nolkstum nennt Springer und nach ihm AlfredWoltmann die ueue Sittenmalerei. Die liberale Gesellschaft, dieaus den achtundvierziger Jahren Kommenden sahen ja im Volk denRetter ans aller Not. Bisher habe die Kuust sich nnr um Anschauungund Bedürfnisse der bevorzugten Klassen gekümmert. Corneliushatte am Schluß seines Lebens noch meiner Ansicht nach involler Verkcnnung des besten Kernes seines Wesens gesagt: vomspecifisch Nationalen habe ich nichts. Er war hierin gleichenSinnes mit Goethe. Nun, durch das kräftigere Erfassen der Wirk-lichkeit erfolgte die bewußte Einkehr in das Volk.

Nichts ist irrtümlicher, sagt Woltmann, als wenn der Künstlerstofflich etwas Neues bieteu will. Nicht Mitteilung ist Sache desBildes, sondern Darstellung. Nnr selten ist das Volk, sind selbstdie Gebildeten mit Männern und Thatsachen der Geschichte so ver-traut, daß sie wiedererkennbar in der Einbildungskraft des Volkesleben. Der Künstler kann bei anderen als solchen Gebilden nichtauf das Verständnis rechnen; seine Bilder wirken langweilig, weilsie nur insoseru verstä'udlich sind, als sie Handlung geben. Mansoll das Volk dem Volke darbieten. Die Maler widmeten sich inErfüllung dieses Wunsches dem Bauer, dem Kleinstädter, ihrerHeimat. Wie durch die Dorfgeschichte die Sprache im Ausdruckbereichert werde, so durch die Volksmaterei die malerische Ausdrucks-