Druckschrift 
Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
Entstehung
Seite
369
Einzelbild herunterladen
 
  

Wert der Pilolyschule.

369

Schulen, die Leibl's und Uhde's wieder für sich al's Grundgesetzaufstellten und aus der heraus sie Piloty bitter bekämpft: nämlichdie unbedingteste Naturnachahmung, Und wie der Realismus vou1860 im Grunde dieselben Gedanken, ja Worte zu seiner Verteidigungbenutzte, wie jener von 1890, so hat er auch dieselben Angriffe er-fahren.

Der Unterschied liegt darin, so sagt die moderne Kritik, daßdie Manier der Pilotyschule von alter KnMt entlehnt, die der mo-dernen selbst gefunden ist. Aber doch wohl nicht sür uns! Seidlitzselbst nennt Manet den Vater der Helllichtmalerei. Also war derUnterschied zwischen den modernen deutschen Malern und der Piloty-schule der, daß sich die älteren bei den Franzosen und Italienern, dieueuereu bloß bei den Franzosen ihrer Zeit die Schute holten. Istdas wirklich ein schwerwiegender Unterschied? Ist es wahr, daßManets Kunstart völlig eigene Erfindung sei? Das glaubte maueiust. Aber wer etwas deutlicher hiuschaut, der sieht im Hinter-grund Mauets den Velazauez und Turner, wie hinter Piloty denRubens und Tizian , vielleicht etwas verschleierter, aber doch deutlichgenug erkennbar. Uud das wahrlich nicht znr Schande der modernenMalweise.

Die Männer, die also die Kunst Pilotys als etwas Neueoempfanden, hatten so unrecht nicht, ihr einen Eigenwert beizulegen.Noch etwa 1870 sah Anton Springer in der Vorbildlichkeit vonCarstens, Thorwaldsen und Schinkel die Rettung des Glaubens aneine reine Kunst der Znkunft. Aber er fand, daß sich diese Künstlernur an ihre Fachgenossen wenden, nicht an das Volk. Die Kunstaber sei Bolkssache. Sie solle dem Volke das wirkliche Spiegelbildseines Wesens, seiner Gedanken nnd Empfindungen entgegenhalten.Sie solle der Meuge entgegenkommen; deren Anteil gelte dem Stoffe,sie will dnrch den Gegenstand angeregt sein, der verkörpert, was sieselbst beschäftigt, was ihr bekannt uud befreundet ist, was sie alsihr Miteigentum betrachten darf. Die Menge will ihren Vorstellungs-kreis erweitert, die Neugier gesättigt sehen. So war es zu allenZeiten, so namentlich mit den heiligen Darstellungen in der Zeitdes gläubigen Mittelalters. Diese engen Wechselbeziehungen fehlenjetzt, die unbefangene Hingabe an das Knnftwerk ging in unserem

Gurlitt, 10. Jahrh. 24