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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Knaus.

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glieber sich durch künstlerische Eigenart belästigen zu lassen, irgendetwas zu scheu, was ihren Wünschen widersprach. Durch denbehaglichen Besitz der Sittenmalerei als einer Volkskunst, einenBesitz, der mir die Ästhetiker alter Schule ärgerte, die ganze Nationaber zu der Ansicht brachte, daß wir es ganz besonders herrlichweit gebracht hätten, ist ein Erschlaffen des Ansturmes, ein müdesVielmalen, eiue Mittelmäßigkeit großgezogen worden, die den Ver-diensten der Kunstrichtung reichlich die Wage hält.

Ludwig Knans war bis vor kurzem der gefeiertste deutscheMaler. Es giebt kaum eiue Akademie in Europa , deren Ehrenmitglieder nicht ist. In mancher, wie z. B. in der von London , ist er der einzigeDeutsche. Seit 1853 erhielt er im Salon zu Paris alle nur mög-lichem Ehren, und zwar mit vollstem Recht. Denn es giebt wenigfremde Meister, die ans die Knnst Frankreichs einen so tiesenEinfluß übten wie er. Er war es, der den Franzosen das deutscheSittenbild schmackhaft machte. Seine hochentwickelte malerischeTechnik benutzte er, um iu eindringlicher Vertiefung das bürgerlicheLeben unserer Zeit zu schildern. Er ist der Maler des Liberalis-mus, des liebevollen Pslegens der unteren Stände, durch die sichsehr sorgsam von ihnen trenueuden Gebildeten, der GeistesbruderGustav Freytags, ein feiner Beobachter, ein Mann von Herz, einFreund unbefangenen kleinbürgerlichen oder ländlichen Daseins, da-bei aber eiu Mann der malerischen Eleganz, der das Gemeineveredelte. Wohlwollen spricht aus seinen Bildern, das behäbigeSchmnnzeln des Weltmannes, der die Menschen in ihren Schwächenan sich herantreten läßt; der selbst, wenn er die Leidenschaftenschildert, wie in seiner Rauserei auf dem Tanzboden, doch der kühle,vornehme Beobachter, der Beherrscher der in ihrer Wüstheit toben-den Baueruburschen bleibt. Es ist ein Genuß, der Mache imeinzelnen mit dem Auge zu folgen. In jedem Pinselstrich einStudium, iu jedem Ton eine Feinheit, im Ausdruck der Köpfe einesprechende Sicherheit, über dem Ganzen ein Hauch vvu Anmut.Knans kann malen, was er nur will: unter seiner Hand wird essaloufähig. Er reißt deu schmierigsteu Judeu , die sich rausenden,iin Schmutz herumkugelnden Bube» aus der Sphäre des Pein-liche» heraus uud läßt uns mit Behagen ihr Treiben betrachten.