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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
Entstehung
Seite
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Defregger.

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Vereins, und wenn er zehnmal seinen Lodenrock auch in München trägt. Nicht innere Lebenserfahrung schildert Defregger , sondernäußerlich Erschautes. Und darum blinzelt aus seineu Gestaltenetwas entgegen, was mich stutzig macht, etwas Salontirolereiauch in dem den gemalten Saloutiroler verspottenden Baueruvolk.Schwind sagt 1867, wohl im Hinblick auf Auerbach: Die höchsteBegeisterung für alles, was Bauernlackl ist, und dabei gar nichtbemerken, daß alle diese social-kommunistischen Bilder genau fürden Salon des Bankiers und Stutzers berechnet sind: das gehtüber meinen Horizont. Und Viktor Hehn sagte einmal vonHeinrich Heine , seine Lyrik habe ganz den Ton von Nachtigallen-schlag; man höre sie mit Entzücken bis zu dem Augenblick, daman erfuhr, daß sie ein im Busche sitzender witziger Mann miteinem Blech auf der Znnge nachahme. Der Ton blieb auch nachdieser Erfahrung derselbe, die Stimmung im dämmernden Gartenhat sich nicht im geringsten geändert aber die Freude amBogelgesang ist dahin. Ich kenne viele volksfreundliche und kunst-sinnige Leute, die nicht nach Tirol gehen, weil ihnen dort dieGasthäuser uicht gut genug sind, weil die echte Tiroler Wirts-stube ihueu nicht behagt; die sie aber trotzdem im Bilde um vielGeld kaufen. Ich kenne manches Fräulein, das zitternd an denPapa sich drückt, wenn sich ein echter Holzknecht neben sie auf dieBauk setzt, aber verzückt den gemalten betrachtet. Es besteht alsozwischen dem Bauerntum iu Natur uud Bild, eine Kluft, die jederempfindet. Der eine empfindet sie als erfreulich: ihm macht dasBild erst den Bauern genießbar; der andere empfindet sie alsminder angenehm; er möchte das Bauerntum uicht so kunstvollvorgetragen sehen, souderu in seinem eigentlichen Wesen. Auf dergroßen Jubiläumsausstellung vou 1888 zu Manchester sprach ichüber Defregger mit dem bedeutendsten Kunsthäudler Englands , zu-gleich Borsitzenden des Ausschusses, William Agnew. Er kannte zumeinem Erstaunen Desreggers Namen nicht. Als ich ihm dessenKunst schilderte, sagte er: Ach der, der die Tiroler Kostümbildermalt; ja gewiß, den kenne ich, ich habe Photographien von meinerAlpenreise mitgebracht! Eine salsche Beurteilung Desreggers, aberdoch auch die eiues Kenners.