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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

Stimmung zu gut gelauntem, nicht zu übellauuischem Witz; einäußeres Zeichen der Laune dadurch, daß mau andere ansteckt,lachen macht. Im Grunde sind die echtesten Humoristen, diedeutschesten, solche, die über sich selbst lachen macheu; nicht indemsie sich lächerlich machen, sondern indem sie mit guter Laune ihrVerhältnis zur Welt ausdecken. Es sind die, denen aus geistigem undkörperlichem Wohlsein die Lnst ankommt, in ihr Wesen den Einblickzu öffnen. Reuter, Keller geben in ihren besten Schriften Dar-stellungen ihrer selbst. Der Humor über andere ist nur seltenmehr als ein Witzeln, denn das Wesen des Humors ist das sichGleichstellen mit dem behandelten Gegenstand. Er braucht garnicht lustig zu sein, er kann unter Thränen lachen. Er lachtdarüber, daß er sich selbst findet, wie zwei Bauernbnrscheu lautanflachen, die sich auf dem Markt der Großstadt begegnen, weilsie die Heimat mit sich in die Ferne brachten, sich selbst. DieHumoristen aber, die herumstehen um zu suchen, wo es etwas zulachen oder besser einen auszulachen giebt die sind nicht rechtmeine Leute, so wenig wie die Witzchenerzähler. Und gemalte Witzesind noch viel schlechter als erzählte. Sie werden altbacken, abge-standen, ehe sie fertig sind. Sie werden nicht frischer dadurch, daßsie Jahrzehntelang an Galeriewünden Hüngen. In Masse auf-tretend aber sind sie fürchterlich. Uns, die wir all die Witzleiuder Herren vom feinen Humor erlebten, darf man die Ungerechtigkeitgegen den Einzelwitz nicht zum Vorwurf machen.

Eines gehört für mich wenigstens znm deutschen Hnmor-die Derbheit. Grimmelshausen ist nm so viel mehr als Reuter,als er derber ist, sich mit dem rechten Wort heraustraut. Gott sei Dank: Luther, Goethe, Bismarck, die drei Deutschesten, warenim Umgang nicht ästhetisch, liebten am rechten Fleck das rechteWort, das die Dinge trifft und die Seele befreit. Und wennwir uns unter den Künstlern umseheu nach solchen, die iu derSitteumalerei uusereu Größten ähnlich sehen, so sieht es schlimmnm die deutsche Kuust aus. Die Derbheit ist nicht eine Roheitund nicht eine Gemeinheit, sie ist nur eine Geradheit, eine Absagean eine die Gesellschaft beengende Sitte, indem sie das Unsittlicheaus dieser heraushebt, nm ihm eins hinter die Ohren zu schlage«.