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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Schwind.

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Herzensregung; etwas, worüber man nicht spricht, weil es schondurch das erklärende Wort entwertet wird. So steht er auch zuden gleichzeitigen Dichtern: zn Grillparzer, Mörike . Man mußseine Briefe an den schwäbischen Romantiker lesen, um zu seheu,wie er ihn nicht illustrieren wollte, sondern mit seiner Dichtungerfüllt, selbst an ihr weiter arbeitete. Da ist denn alles kindlichund schlicht, empfunden und warmherzig, so einfach, als verständees sich von selbst. Es ist die Gläubigkeit in seinen Bildern, diein seines Freundes Schubert Liedern steckt; die ein Zug Österreichs ,Bayerns , der katholischen Lande ist. Nicht grübeln, sondern sichhingeben; nicht urteilen, sondern sich einleben; Verzicht auf deu Ver-stand, um das Herz desto reicher zu haben. Schwind hastet am Ein-fachen, Sinnigen, Warmherzigen, kämpft überall gegen das Blendende,allzn Klare, Systematische, Undichterische. Stolz weist er bei der Aus-schmückung der Wartburg zu Eisenach, endlich von einem Fürsten , demedlen damaligen Erbgroßherzog Alexander von Weimar mit einerganz seiner Art entsprechenden Ausgabe betraut, die zurück, die ihmin seine Gedanken eingreifen wollen. Er wiederholt Grauns Wortan Friedrich den Großen: in meiner Partitur bin ich König! Dochdas mit innerlichem Schauen Erfaßte giebt er nnr mit rührenderSorge der Welt preis. Er selbst fürchtet, daß seine Bilder eineArt Schrecken hervorrufen werden. Denn er weiß sehr wohl, daßsie nicht vor einem nneingestimmten Verstände reden können. Wahrwollen sie nur sein insoweit, als dies nötig ist, um die Stimmung zuwecken, welche am warmen Ofen die Kinder zu Füßen der erzählendenGroßmutter haben: mag er nun von seiner Hochzeitsreise oder vonder Melusine und den Sieben Raben berichten. Darum haßte erauch deu Realismus ehrlich, uamentlich jenen, der mit lautem Tonder Stille seines Daseins entgegentrat: Makart, Lißt, RichardWagner das war ihm so ziemlich das Greulichste in der Welt.Die Belgier und Franzosen nicht minder. Man will, sagte er 18S0,in Deutschland etwas Neues, uie Gesehenes, aber es soll gerade soaussehen, wie das Gewohnte, und das kann man nicht machen.Man ist die fremde, ausländische Sprache der Malerei gewöhntund hätt sie für vornehmer als die eigene, daher giebt es lanterStilübungen statt unmittelbarer Ergüsse des Innern. Man kann

Gurlitt, lg. Jahrh. 25