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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

nur in seiner eigenen Sprache dichten, und bis die Abstammungvon den alten Deutsche», so wie Goethes Fanst von Hans Sachs abstammt, nicht zu voller Anerkennung kommt, ist es mit derganzen Malerei nichts Rechtes.

Stilnbungen, Versuche, die Wahrheit in verschiedener Form zugeben, iu einer nicht eingeborenen, sondern erlernten Aussassung,die Nufsassuug über die Natur zu stellen, den Schüler schon zumHerren über die Wahrheit anzusehen: Dies war die Stärke derZeit, aber mir eine selbsttäuschende Stärke. Gleich den Kunst-gelehrten, von diesen teilweise geleitet, glaubten auch die Künstlersich immer noch mit Hilfe der Alten auf einen erhabenen Standpunktschwingen zu können, von dem sie auf die Natnr herabsähen, von demaus schou der gute Wille genüge, um ihrer iu aller GemächlichkeitHerr zu werden. Aber die vermeintliche Hohe, die sie erkletterten,ward ihnen nie zum Heil. Auf ihrer Leiter sitzend verloren sie denBoden des Thatsächlichen, der Idealismus brachte sie ins Schwanken.Die Bnuernmnlerei hat sich erschöpft und mit ihr das Sittenbild,weil es nicht eigentlich echt, sondern im Grnnde der Seele doch einerkünsteltes Empfinden war. Alles drängte auf die Erkenntnis, daßdie Kunst sich uns selbst, den schaffenden, ernst zu nehmenden Kreisender Gesellschaft zuzuwenden habe und daß sie im Abbilden, imErzählen vou Dorfgeschichten nicht stecken bleiben dürfe.

Die Pilotyschule hat noch eine Reihe von Künstlern hervor-gebracht, von deren Wirken das Volk im hohen Grad befriedigtwar, die in allen Kreisen das ungetrübteste Entzücken hervorriefen.Zwei der zumeist angefochtenen nnd doch wieder über die übrigenhinaus gefeierten Meister seien noch besonders erwähnt als Ver-treter eigenartiger Nichtuugen des deutschen Schaffens: Makart und Leubach.

Hans Makarts Wirken war die höchste Steigerung derPilotyschen Farbcnbehandlung. Ein anderer Schüler des MünchnerMeisters erzählte mir, wie die jungen Leute an der Akademie damalsBilder entwarfen. Sie strichen mit breitem Pinsel die Farbenresteder gebrauchten Palette durcheinander nnd fuhren dann mit einemPapier, aus dem ein Rechteck, das zukünftige Bild, herausgeschnittenwar, so lauge auf dem Farbengemisch herum, bis sie eine Stelle