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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

arbeit Verlorene, Verträumte wieder zur Not hereingeholt hatte.Das hatte Schadow doch hinreichend deutlich gelehrt, daß auch mitmoderner Kleidung eine Bildsäule möglich war. Die Gebildeten freilichschwankten, aber Friedrich Wilhelm III. befahl eiufach, so bei demDenkmal für Friedrich Wilhelm I. , daß die Gestalt dieselbe Uniformtrage, wie aus Pesues Bild im Schloß. Damit war eine langwierigeAuseinandersetzung glücklich verhindert. In Rauchs BildsäuleuScharuhorsts, Bülows, Blüchers steckt freilich ein auffallender Rück-gang gegen jene Tassaerts und Schadows am Wilhelmplatz. Vonjener Kunst, den Menschen schlicht zu erfassen, so wie er ist, nndihn demgemäß schlicht darzustellen, wie sie Schadows Zieten auf-wies, ist nur eiu Rest übrig geblieben. Die Absicht, den Manuüber seine Erscheinung hinaus zum Träger seines Werkes zu machen,führte zur Verallgemeinerung; die Schwierigkeit, die Kleidnng bild-nerisch zn behandeln, jene Kleidung, ohne die ein Blücher demVolke nicht der Marschall Vorwärts ist, führte zu allerhand schön-faltigen Kunststücken, zu einem künstlerische» Phrasenschwall inMänteln, wie naß am Beine sitzenden Hosen, zn vielseitig gewendeter,oft unruhiger Körperhaltung.

Aber gerade um dieser stilistischen Schwachen willen ertrugman Rauchs Realismus. Die Meuge faud ihre Helden, die Ästhetikerwurden durch die Anklänge an Klassisches beruhigt. Die Kostüm-frage war aber doch erst recht iu Fluß gekommen. Des KönigsBefehl schns sie nicht aus der Welt. Schintel sagte, die Kleidungvon heute sei keiu Kostüm, sondern nnr Mode, die veralte undlächerlich werde; man müßte, so groß die Gefahr sei, ins Theatra-lische zu fallen, eine ideale Tracht erfinden oder mit sinnreicherAllegorie im Altertum suchen, das Kostüm der Artung des Heldenentsprechend bilden. Rauch war bald zu dieser Ansicht bekehrt.Namentlich einen Dichter wie Goethe konnte er sich nnr im Manteldes Sophokles vorstellen, sobald es sich nm ein Denkmal, nicht bloßum eine Statuette handelte. Vor allem aber war ihm das Bildenvon überlebensgroßen Hosen, Röcken, Knöpfen nnd Stiefeln herzlichlangweilig, mit Recht sehnte er sich nach der eigentlichen Auf-gabe des Bildhauers, dem Nackten. Doppelt langweilig war dasZeitgewand aber unter der Herrschaft einer Ästhetik, die dem Bildner