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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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Sünde nannte, was der Sohn als den Mangel einer das Lebenbeherrschenden und regulierenden Weltanschauung beklagte.KeinWunder," schreibt sie am 19. Juli 1840,wenn wir unfruchtbareZeiten haben; denn wir sind ein Volk mit Sünde beladen wieIsrael vor Alters. Wenn Gottes Gerichte die Welt heimsuchen,so sollten wir, die Bewohner der Erde, Gerechtigkeit lernen."

Die Eindrücke des Elternhauses sind zeitlebens für CarlylesEntwickelung die bestimmenden geblieben,, wie sehr er später denuugeheuren Schatz des modernen Denkens in sich aufnahm.Eswar kein fröhliches Leben," sagt er von seiner Jugend,wessenLeben wäre es? und doch floß es sicher und ruhig dahin, und warmehr als das der meisten oder aller, von deren Lebenslaufe ichZeuge gewesen bin, ein gesundes Leben! Wir waren eher schweig-sam als gesprächig. Aber wenn auch nur wenig gesagt wurde, sohatte doch das Wenige gewöhnlich Bedeutung."

Frische und Urwüchsigkeit zeichnet den engen Kreis aus, iudem sich die Jugend Carlyles abspielt. Etwas Altnordisches liegtin diesen Leuten mit eckigen Köpfen, mit grauen, scharfen Augen,Ernst und Willenskraft in den Zügen und einem Blitz von Humorin den Mundwinkeln.

Die Kinder liefen barfuß umher, aber waren reinlich gekleidetund wurden mit Haferbrei, Milch und Kartoffeln groß gezogen.Unser Carlyle lernte von seiner Mutler lesen, und, als er fünfJahre alt war, schickte ihn der Bater zur Dorfschule. Später ver-tauschte er die Volksschule mit der Lateinschule zu Annan. DerVater wurde zu diesem Schritte durch seinen Geistlichen veranlaßt,welcher in dem Kinde die seltenen Geistesgaben erkannt hatte.

Dieser Geistliche, John Johnstone, übte auf den jugendlichenCarlyle einen größeren Einfluß als Lehrer und Schule. Über-haupt sind die religiösen Eindrücke, welche Carlyle in seinem hei-mischen Kreise aufnahm, für seine Entwickelung nicht hoch genuganzuschlagen. Mit wunderbarer Klarheit sieht der Greis noch nachsechzig Jahren die Gemeinde in der kleinen Kapelle sich versammeln,unter ihr viel greise Gestalten mit langen weißen Bärten undbraunen Gesichtern, welche die Not des Lebens gefurcht hatte. TrotzRegen und Schnee kamen sie nicht selten bis 20 Meilen über Haidenund Moore hergewandert. Nirgends, sagt Carlyle, seien so wie inSchottland Männer, die das Christentum wie die Apostel lebtennnd lehrten, neben dem angestellten Klerus einer evangelischen oderkatholischen Kirche gestanden. Den Prediger der Gemeinde, JohnJohnstone, bezeichnet Carlyle noch in hohem Alterals den geist-