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lichsten Mann, den ich je unter irgend einer kirchlichen Bekleidungzu erblicken das Glück hatte. Diese Bauernvereinigung, jenes kleinehaidekrautgedeckte Haus und jener schlichte Evangelist zusammen,bildeten eigentlich die Kirche des Distrikts. Sie wurden vielenzum Segen und Heil, und auch in mir leben die frommen, himm-lischen Einflüsse fort."
Carlyle war durch seine Geburt in eine Welt gestellt worden,die von dem, was wir achtzehntes Jahrhundert nannten, völligunberührt geblieben war, ans welche die von den gleichzeitigenVerhältnissen abstrahierte Nationalökonomie schlechterdings nichtpaßte. Das Thun dieser Menschen bestimmte sich thatsächlich nichtnach individualistischen Motiven, sondern nach einer gemeinsamen,ihr ganzes Wesen durchdringenden Weltanschauung. Die. Arbeitgeschah hier in der That um ihrer selbst willen, sie war ein Gebet.So war Carlyle in einer Welt aufgewachsen, ähnlich der des Mittel-alters oder der großen Kirchenbewegung — Zeiten, welche der Ratio-nalismus nicht begreift, weil er ihre Beweggründe nicht auf dieseinen zurückführen kann. Carlyle hatte sie verstehen und zugleichdurch eigene Erfahrung kennen gelernt, wie viel gesunder, in sichzufriedener und leistungsfähiger sie waren, als die Welt des Indi-vidualismus, in die er nunmehr hinaustrat.
Noch ein anderes verdankte er seiner Abstammung: germanischesBlut, dessen er sich später gerne rühmte. Insbesondere besaß er eineinnere Verwandtschaft zur deutschen Sinnesart, die ihn alsbald zurdeutschen Litteratur führte, und diese, zu den allerdings weit stärkerenEindrücken seiner Jugend hinzutretend, bildet die zweite Gruppe vonEinflüssen, welche seine Persönlichkeit vollenden.
Vierzehnjährig verläßt Carlyle sein Elternhaus und wandertzu Fuß nach Edinburg , um das entbehrungsvolle Leben einesschottischen Studenten zu beginnen. Nach Froudes Beschreibungboten die Universitäten nördlich vom Tweed in jenen Jahren wenigmehr als eine bloße Zucht in der Armut und der Genügsamkeit.Die jungen Männer, die sie besuchten, waren meistens Kinder vonEltern so arm wie Carlyles Vater. Sie wußten, mit welchenOpfern die Ausgaben ihres Universitätslebens, so verhältnismäßiggering sie auch waren, verbunden sein mußten, und sie verließenihre Heimat mit dem festen Entschluß, ihre Zeit möglichst auszu-beuten. Nur fünf Monate konnten sie jährlich Kollegien hören;während der übrigen Zeit unterrichteten sie entweder selbst oderhalfen daheim in der Landwirtschaft, um für ihren eigenen Unter-richt zu bezahlen.