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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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Zur Theologie bestimmt, ging Carlyle bald ausprohibitorischenZweifeln" zum Studium der Jurisprudenz über, erwarb alsdanninfolge einer gelösten Preisarbeit eine Lehrerstelle der Mathematik,lag diesem Berufe eine Reihe von Jahren an verschiedenen Schulenob und veröffentlichte 1824 sein erstes Buch: eine Übersetzung vonLegendres Geometrie mit einem selbständigen, nicht unbedeutendenKapitel über Proportionen.

Diese äußere Zersplitterung war das Abbild einer schwereninneren Krise, wie sie durch den Zusammenstoß zweier, durchausverschiedener, Weltanschauungen hervorgerufen ward.

Während sich in den breiten Schichten des Volkes, aus denenCarlyle herkam, der alte puritanische Geist erhalten hatte, beruhtedie Wissenschaft auf der Grundlage einer individualistischen Welt-anschauung; theoretisch bedeutete sie Materialismus, ethisch Utili-tariertum. Mau bedenke, wie England im achtzehnten Jahrhundertgerade der Ausgangspunkt jener Richtungen war, welche das In-dividuum zum Maßstab alles Denkens und Wollens machten, wiedie englischen Schriftsteller jenes Zeitalters, ein Bolingbroke, einShaftesbury, ein Bayle und ein Locke recht eigentlich die Vorläuferder Revolution" waren, wie die damals zur Herrschaft gelangte so-genannte klassische Nationalökonomie die individuelle Selbstsuchtfür die Grundlage aller Beziehungen der Menschen untereinandererklärt hatte.

Diese Anschauungen waren es, welche damals auf Carlyleeinstürmten. Neben den heimischen Philosophen studierte er ins-besondere d'Alembert, Diderot, Rousseau und Voltaire, hierzu tratspäter, allmählich überwiegend, die deutsche Litteratur und Philosophie.

Die Zeit des Werdens umfaßte bei Carlyle, von Eintritt indie Universität an gerechnet, volle zwanzig Jahre, innerhalb derener mit wunderbarer Kraft den Gedankengehalt seiner Zeit in sichaufnahm. Er sammelte so, von einem vortrefflichen Gedächtnisunterstützt, jene erstaunliche Fülle von Kenntnissen, die ihm denStoff bot, um der beste Unterhalter, ,tks vsst tslker ok LnAlg,nc1"zu werden. Wichtiger aber als das i innerhalb jener zwanzig Jahregelangt er unter schweren Kämpfen zu einem Standpunkt, von demaus das Denken der Neuzeit und die puritanischen Anschauungenseines Elternhauses nicht mehr Gegensätze sind. Unerläßlich zumVerständnis der Carlyleschen Schriften ist es, den Gang dieser Ent-wicklung im Auge zu haben, in welchem derSartor Resartus",zahlreiche Briefe und einige spätere Aufzeichnungen Carlyles ge-nügende Einsicht gewähren. - Denn Carlyle selbst maß seiner Ent-