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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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Wicklung eine mehr als biographische Bedeutung bei, was erdadurch bewies, daß er sie in dem erstgenannten Buche einen deutschen Professor, eine Art Faust, zum zweitenmale durchmachen ließ.

Die Mehrzahl der Menschen Arbeiter auf besonderem Ge-biet, d. h. Organe der Gesellschaft zu speziellen Funktionennehmen zwar auch die Meinungen ihrer Zeit, insbesondere die inder Jugend ihnen entgegengebrachten, willig an, ohne jedoch mehrals oberflächlich von ihnen berührt zu werden. Dem gegenüberkönnen es nur wenige sein, welche die Strömungen ihrer Zeit inder Weise in sich zu einer Einheit zusammenschließen, daß sie dieWirkungen derselben, die sonst oft über ein Jahrhundert auseinander-liegen, innerhalb eines Menschenalters erleben. Ihr Lebensgangwird so typisch für ihre Zeit und die Zukunft wird in ihnen vor-gebildet.

Carlyle gehörte zu diesen wenigen Berufenen. Das zweiteElement, das nach dem Puritanismus des Elternhauses auf ihneindrang, war die Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts, welchein dem französischen Materialismus und der englischen National-ökonomie ihren Ausdruck findet. Beide gehen vom Individuumaus. Da dem Individuum allein körperliche Eindrücke unmittelbargegeben sind, so glaubte man, daß überhaupt nichts als Körperexistiere; da von inneren Motiven Schmerz- und Lustgefühle amunmittelbarsten gegeben sind, so glaubte man, daß alle Handlungendavon beherrscht würden, ein Standpunkt, welcher ähnlich dem vonCopernicus beseitigten gäocentrischen ist, indem er noch mehr alsdieser das Individuum zum Mittelpunkt der Welt erhebt.

Von diesem Grundgedanken aus aber ist die Möglichkeit so-wohl von Religion als Sittlichkeit zu leugnen. Denn jene setzteine jenseitige, unkörperliche Welt voraus, diese fällt hinweg, weil ,alle Gegenstände, belebte wie unbelebte, lediglich in soweit in Be-tracht kommen, als sie zur Befriedigung des individuellen Bedürf-nisses dienen. Carlules Bedeutung besteht darin, daß er sich vordiesen Konsequenzen dieses einmal eingenommenen Standpunktesnicht scheute, welchen er innerlich zu überwinden noch nicht imstandewar. Er that nicht, was die meisten an seiner Stelle gethan hätten,den Glauben, den er aus dem Elternhause mitgebracht hatte, und derbisher Leitstern und Ziel seines Lebens gewesen war, mit einemschützenden Walle zu umziehen. Er war zu ehrlich, nm sogenanntedoppelte Buchführung für möglich zu halten. Desgleichen durch-schaute er als vergebliches Bemühen, wenn die Utilitarier versuchten,das, was das Volk bisher Tugend genannt, beizubehalten, indem