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man es als besten Weg zum Wohlsein empfiehlt. Nannte sich dochein Paulus von Tarsus, den die Menschen später den Heiligennannten, den „Ersten der Sünder" — welche innere Qualen um-schließt dieser Ausdruck! — während ein Nero fiedelnd und schmau-send auf dem Palatin saß und sogar wohlgemut starb, mit einem:qua,1is artiköx psrso. Welcher Unterschied also zwischen der utili-tarischen Tugend, die nichts als ein verständiger Egoismus ist, undder religiösen Sittlichkeit früherer Zeiten! Statt des Weihrauch-kessels, meint Carlyle, schwinge unsere Zeit offenkundig die Brat-pfanne — denn was ist ein böses Gewissen gegen die Qualen einerschlechten Verdauung?
Diese Folgerungen blieben für Carlyle nicht rein gedanken-mäßig, sondern wurden innere Erlebnisse. Carlyles Wahrhaftigkeitverachtete auf religiösem und sittlichem Gebiet jeden Kompromiß.Hierin eben besteht jene originale moralische Kraft, von der Goethegesprochen: durch sie wurde er dazu getrieben, seine Zeit aus ihreneignen Voraussetzungen heraus zu überwinden.
Der Skeptizismus war für ihn also nicht bloß ein theoretischer,sondern auch ein praktischer. Während ihn früher, wie er es ausdrückt,„gebahnte Wege", d. h. autoritativ gegebene Pflichten das durchLeben führten, trat er nun mit dem Verlust einer festen Weltan-schauung in eine Periode des Schwankens und der Unsicherheit imHandeln. „Schwach zu sein, ist das Elend", sagte er mit Milton.*)Hierin erblickte er auch den tiefen Grund des Pessimismus unsererZeit, dem er in jenen Jahren seinen vollen Zoll zahlte. „AllesLeiden besteht in mißleiteter Fähigkeit." Innere Kämpfe machenden Menschen erst dann unglücklich, wenn sie das Gebiet des Han-delns berühren und wenn Zweifel, wofür Arbeit und Leben einzu-setzen seien, Planlosigkeit der Lebensläuse herbeiführen.
Carlyle machte in jenen Jahren die Erfahrung, die unsereZeit heute im großen zu machen daran ist: je mehr die bisherigenLebenszwecke fallen und genußsüchtige Motive maßgebend werden,desto weniger wird das von den letzteren in Aussicht gestellte Zielerreicht. „Das ist gewiß," sagt Carlyle, „wenn das, was mangemeiniglich Glück nennt, unser Ziel ist, so gehen wir alle irre."Mephisto, die Macht des Zweifels und der Verneinung, welche heuteden Menschen durch das Leben begleitet, führt Faust zu den sinn-
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