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kauft. Ihre alten Gottestempel, die schon seit lange nicht mehrregendicht waren, fallen in Trümmer, und nun fragen die Menschen:„Wo ist die Gottheit? Unsere Augen haben sie nie gesehen!"' Trotzaller dieser tollen Äußerungen wäre es erbärmlich, unsern Diogenesgottlos nennen zu wollen. Obschon, wie wir alle, ein unnützerKnecht, war er doch zu keiner Zeit seines Lebens entschiedener einDiener des Guten, ein Diener Gottes , als er an Gottes Daseinzweifelte.'
„Einen Umstand muß ich noch besonders bemerken," sagt er,„daß die Forschung, die bei mir, was sie nicht immer ist, echteLiebe zur Wahrheit war. Trotz alles Leides, das sie mir zugefügthatte, liebte ich die Wahrheit dennoch und wollte von meiner Treuegegen sie nicht um ein Haar breit abweichen. Wahrheit! rief ich,und wenn der Himmel mich dafür, daß ich ihr folgte, zermalmensollte! Keine Lüge! Und wenn ein ganzes himmlisches Schlaraffen-land der Preis des Abfalls wäre! '
„Es war, wenn ich jetzt darauf zurückblicke, eine seltsame Ab-geschiedenheit, in der ich damals lebte. Die Männer und Frauenum mich herum, selbst wo sie mit mir sprachen, waren bloße Figuren;ich hatte es so gut wie vergessen, daß sie lebendig und nicht bloßeAutomaten waren. Mitten in den von Menschen wimmelndenStraßen und Versammlungen wandelte ich einsam, und — ausge-nommen, daß ich mein eigenes Herz zerfleischte und nicht das einesanderen — grimmig wie ein Tiger im Dickicht. Einigen Trostwürde es mir gewährt haben, wenn ich mir wie Faust hätte ein-bilden können, ich würde vom Teufel versucht und gequält; denneine Hölle ganz ohne Leben, selbst teuflisches Leben, wäre, denkeich mir, noch furchtbarer. Aber in unserem Zeitalter des Nieder-reißens und des Unglaubens, ist sogar der Teufel niedergerissenworden, und man kann nicht einmal mehr an den Teufel glauben.Für mich war das Weltall völlig ohne Leben, ohne Bestimmung,ohne Willen und selbst ohne Feindseligkeit; es war eine enorme,tote, unermeßliche Dampfmaschine, die in stumpfer Gleichgültigkeitweiter rollte, um mich Glied nm Glied zu zermalmen. In solcherStimmung und vielleicht der unglücklichste Mann in ganz Paris nebst Vorstädten, wandelte ich an einem schwülen Hundstage, nachvielem Herumspazieren zwischen städtischem Unrat, in einer drücken-den Atmosphäre und über ein Pflaster, so heiß wie Nebucadnezarsfeuriger Ofen, die schmutzige, kleine Rue St. Thomas de l'Enferentlang, als mit einem Male eine Idee in mir aufstieg und ichmich fragte: Wovor fürchtest du dich eigentlich? warum willst du
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