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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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ewig klagen und winseln, und zitternd und furchtsam wie ein Feig-ling einhcrschleichen? Verächtlicher Zwcifüßler! Was ist die Total-summe des Schlimmsten, was dir bevorsteht? Tod? Wohlan, Tod;und sage auch die Qualen Tophets und alles dessen, was der Menschoder der Tenfel wider dich thun kann oder will? Hast du keinHerz? Kannst du nicht alles, was es auch sei, erdulden, und alsein Kind der Freiheit, obschon ansgestoßen, Tophet selbst unterdie Füße treten, während es dich verzehrt? So laß es denn kommen!Ich will ihm begegnen und ihm Trotz bieten. Und während ichdies dachte, rauschte es wie ein feuriger Strom über meine ganzeSeele, und ich schüttelte die niedrige Frucht auf immer ab. Ichwar stark in ungeahnter Stärke, ein Geist, fast ein Gott. Vondieser Zeit an war die Natur meines Elends eine andere: nichtmehr Furcht war es oder winselnder Schmerz, sondern Entrüstungund grimmiger, feuersprühender Trotz."

Wenn Carlyle den Standpunkt des Materialismus und densich für ihn hieraus ergebenden Pessimismus verließ, so war derwichtigste Faktor in dieser Entwicklung der Einfluß des Puritanis-mus seiner Heimat nnd seines Elternhauses. Mitgewirkt bat dasStudium der deutschen Litteratur und Philosophie. Carlyle selbstlegt den Hauptuachdruck darauf, daß sein Pessimismus sich selberaufgezehrt habe. Die Leiden hätten in ihm die Überzeugung erwachsenlassen, daß das Ich im Menschen nicht der Zweck des Daseins sei.Carlyle müßte kein Abkömmling der Puritaner gewesen sein, wennsich ihm nicht diese Veräuderung seiner Anschauungen als Bekehrungdargestellt hätte. Nennt er doch bei der Darstellung des Lebensdes von ihm viel bewunderten Oliver Cromwell dieBekehrung",unter welcher Denkform sie sich auch vollziehe, dieeinzige Epocheim Leben des Menschen". Sie ist der Punkt, in dem der Menschden Unterschied zwischen Gut und Schlecht, welcher der materia-listischen Philosophie ein relativer zn sein scheint, als absoluten erfaßt.

Wie ihn Goethe bei dieser Gelegenheit beeinflußte, darüberfindet sich eine interessante Notiz aus dem Jahre 1833:Einsfrappierte mich ganz besonders in Goethe . Er hatte in seinemWilhelm Meister eine Gesellschaft talentvoller Leute beschrieben, diesich gebildet hatte, um Vorschläge zu empfangen und Rat zu er-teilen . . . ." Der Mann, der Meisters Leitung übernommen hat,erzählt ihm, daß täglich eine Zahl Anfragen an die Gesellschaftgerichtet würden, die man in verschiedener Weise beantwortete; daßaber ganz besonders viele nach einem Rezept zum glücklichen Lebenfragten: Das alles, sagte er, würde beiseite gelegt nnd gar nicht

v. Schulzc-Glivernitz, Carlyle. I

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