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beantwortet. „Als ich dies zuerst las," fährt Carlhle fort, „wun-derte ich mich nicht wenig. Was, sagte ich zu mir selbst, war esnicht gerade ein Rezept fürs Glück, das ich mein ganzes Lebenlang suchte, und bin ich nicht gerade deshalb, weil ich darin er-folglos blieb, so elend und unzufrieden? Für eine bloße Paradoxiekonnte ich die Stelle bei Goethes Aufrichtigkeit nicht halten: endlich,nachdem ich dieselbe eine lange Zeit überdacht hatte, fand ich, daßsie eine große Wahrheit enthielt. Kein Mensch hat ein Recht, einRezept fürs Glück zu verlangen, er kann ohne Glück fertig werden;es giebt etwas besseres als das. Alle Menschen, die großes ge-leistet haben, — Priester, Propheten und Weise, — hatten in sicheinen höheren Leitstern als die Liebe zum Glück, nämlich geistigeKlarheit und Vollkommenheit . . . Liebe zum Glück ist im bestenFalle bloß eine Art Hunger, eiu ungeregeltes Begehren im Menschen,weil ihm nicht genug vou den Süßigkeiten dieser Welt zu teil ge-worden ist. Wenn man mich fragt, was denn dieses höhere Etwassei, so kann ich nicht sofort antworten, aus Furcht mißverstandenzu werden. Es giebt keinen Namen, den ich diesem Etwas bei-legen, und der nicht in Frage gezogen werden konnte. Es giebtkeinen Namen dafür; doch wehe dem Herzen, das es nicht fühlt:in einem solchen Herzen ist keine Kraft. Einst nannte man diesesHöhere das Kreuz Christi: sicherlich kein Glück!"
Die Selbstsucht, welche in Zeiten, wie den unsern, die Trieb-feder des menschlichen Handelns wird, hat den Menschen notwendigdem Pessimismus ausgeliefert — eine Erfahrung, die allmählich inder Gegenwart gemacht wird. „Unsere Propheten predigen uns:du sollst glücklich sein, angenehme Dinge lieben und sie finden.Nun schreit das Volk, warum haben wir nicht angenehme Dingegefunden?" Seine „Eitelkeit", d. h. sein Glaube, geboren zu sein,um glücklich zu sein, ist es, was ihm fortwährend Enttäuschungenbringt. Die Leiden aber haben eine erziehende Kraft, sie führenzu einem Punkte, auf dem die Selbstsucht gebrochen wird und dieEntsagung eintritt. Auf diesem Wege wird derjenige, dessen Egois-mus nicht mehr durch irgendwelche überkommene Glaubensvor-stellungen gezügelt wird, zu einem ähnlichen Standpunkt geführtwie der, den der Gläubige von vornherein einnimmt; daher dennCarlyle mit Goethe von der „Heiligkeit des Leides" spricht und imLeiden ein Mittel der Erlösung sieht.
Wenn Carlhle Aussprüche thut wie den, daß die „Entsagungdas wichtigste im Leben sei, daß mit ihr das Leben eigentlich erstbeginne", so darf man hieraus nicht schließen, daß seine Philoso-