Zeitaltern, Civilisationen und Rassen erfaßt und haben das, wasnur ein Haufe von Thatsachen war, in ein System der Gesetze derGeschichte verwandelt. Durch sie haben sie den Sinn der Dogmenerneuert. Sie haben Gott mit der Welt, den Menschen mit derNatur, den Geist mit der Materie vereinigt und die zeitliche Ver-kettung und Notwendigkeit der Formen entdeckt, deren Gesamtheitdas Weltall ist."--
In ähnlicher Weise sagt Hillebrand in seinen Vorlesungen'Deutschland habe den Begriff des Organismus in die europäische Gedankenwelt eingeführt, ebenso wie der französische Rationalismus,der englische Empirismus und der italienische Humanismus vorhereingeführt worden und unentbehrliche Teile der geistigen KonstitutionEuropas geworden seien. In der That ist es der Begriff des Or-ganismus, welcher sämtliche einzelne Wissenschaften, wie die Gesamt-wissenschaft überhaupt, umgestaltet.
Die Idee des Organismus giebt allein die Möglichkeit zurphilosophischen Überwindung des individualistischen Standpunktes;sie ermöglicht einen Standpunkt antiindividualistischer Moral, wieihn religiöse Zeiten besessen haben, verbunden mit einer den wissen-schaftlichen Überzeugungen der Gegenwart entsprechenden Weltan-schauung. Wie der Mensch als Einzelwesen durch die Selbstsucht,so ist er als Teil eines Organismus durch das geleitet, was Carlylebald als „Glaube", bald als „Liebe" bezeichnet. An Stelle derutilitarischen Begründung der Moral wird damit „Selbstverleug-nung der Grund aller Tugend" (sslkäsnis,! pa,rsnt ok virtus).Alles nicht aus diesem Beweggrunde entspringende Thun ist indi-vidualistisch und wirkt gesellschaftsauflosend. Da bei dem heutigenKulturmenschen die Eigenschaft als Teile eines Gesamtwesens dieeines Einzelwesens weit übertrifft, so handelt nur derjenige gut,d. h. „den Tendenzen der Natur gemäß", der von altruistischer*)Grundlage aus handelt. Selbstsucht ist der Grund alles moralischSchlechten.**)
Carlyle sucht hiermit unter einer dem modernen Denken ent-lehnten Form die christliche Anschauungsweise seiner Jugend wiederherzustellen, freilich nicht die dogmatische Form derselben, wohl aberden Grundgedanken des Christentums: die altruistische Lebensauf-fassung. Ja, Carlyle hat, indem er jeden Quietismus verwirft
*) Hier wie im folgenden wird der Ausdruck „altruistisch"nach dem Vorgange H, Spencers gebraucht.
**) Vergl. Rsross g,nci ksrovorstiip S. 218.