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und Selbstüberwindung nicht durch Weltflucht, sondern durch Arbeitin der Welt verlangt, sogar den eigentümlichen Gesichtspunkt desProtestantismus wieder ausgenommen.
Die geschilderte innere Entwickelung war für Carlyle von soweitreichender Bedeutung, daß die schlichten Ereignisse seines äußerenLebens dagegen verschwinden. Die Geschichte des letzteren bestehtlediglich in einer Geschichte seiner Schriften.
Die erste selbständige Arbeit Carlyles war das Leben Schillers,der ihn von den deutschen Schriftstellern zuerst gefangen nahm.Zu Schiller zog ihn eine gewisse Verwandtschaft der Schicksale.Schiller war, wie er, in seiner Jugend von Hindernissen umgeben;auch er hatte mit Armut, schlechter Gesundheit und Anfällen vonVerzweiflung zu kämpfen. Auch Schiller hatte die überkommenenGlaubenssätze unter sich zusammenbrechen gefühlt und doch war erzu eignen, moralischen Überzeugungen gelangt, nach denen er seinLeben in edler Weise regierte. Das Leben Schillers erschien 1825in Buchform und wurde von Goethe wert gehalten, in das Deutscheübersetzt zu werden.
Aber Schiller konnte auf die leidenschaftlichen Fragen, welcheCarlyle beschäftigten, keine Antwort geben. Für ihn hatte Kantdas letzte Wort in der Philosophie gesprochen. Carlyle dagegenwar weit entfernt je Kantianer zu sein. Schiller sah die Ver-besserung der Welt in den Fortschritten der ästhetischen Kultur,Carlyle, der weit entfernt war, einer poetischen Epoche anzugehören,in moralischem Fortschritt.
Von Schiller wandte sich Carlyle zu Goethe, dessen WilhelmMeister ihn zuerst anzog. Immer mehr vertiefte er sich in Goethe,wovon die in jenen Jahren erscheinenden Artikel über GoetheZeugnis ablegen. Da die Studien ihm zugleich Mittel zur Be-streitung seines Lebensunterhaltes gewähren mußten, so unternahmer in jener Zeit auch eine Übersetzung Wilhelm Meisters , welche1524 erschien. Daneben schrieb er Aufsätze über die deutschenRomantiker (l325).
Äußerlich war Carlyles Lage wenig glänzend. Alle Versuche,eine feste Anstellung zu gewinnen, scheiterten; freilich sieht es soaus, als ob diese Versuche weniger ernsthaft von Carlyle selbst alsvon seinen Freunden gemacht wnrden. In Edinburg als Haus-lehrer thätig, in den Mußestunden mit Studien beschäftigt, ver-brachte er die glücklichsten Tage der Erholung in der ländlichenStille bei den Seinen. Mainhill, wohin die Familie übergesiedeltwar, wurde sein oft ausgesuchtes Asyl. Zwar hatte eine vorüber-