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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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gehende Wolke das Verhältnis zu den Seinen getrübt, als er voninneren Kämpfen zerrissen, aus seinem Zustande wenig Hehl machte.Jenen einfachen Leuten, denen die Wahrheit ihres Glaubens sosicher war, wie die Anwesenheit der Sonne am Himmel, muß da-mals sein ruheloser, zerrissener Geist wiebesessen" erschienen sein.Aber diese Wolke verzog in dem Maße als er sich selbst zu inneremGleichgewicht hindurchrang. Die Mutter, voll liebevoller Besorgnisum das ewige Heil ihres Erstgeborenen und Lieblings, beruhigtesich bei dem Gedanken, daß zwischen ihr und dem Sohne lediglichVerschiedenheiten des Ausdrucks bestünden, nicht aber der innerenÜberzeugung.

So vergingen in aller Stille die Jahre, in denen Carlyle dieverschiedenen Bildungselemente seiner Zeit zu einer Einheit zu-sammenschmolz. Aber die Form, in welche später der Guß vor-genommen wurde, war noch nicht vollendet. Carlyles Größe be-steht erst in der Anwendung dieser Gedanken auf die sozialenProbleme der Gegenwart. Mit den letzteren trat er zum ersten-mal in Berührung während eines Ausenthaltes in London , 1824bis 1825, von wo er Reisen nach den englischen Jndustriebezirkenund Paris unternahm. Von besonderer Wichtigkeit waren fürCarlyle die Eindrücke der letzteren Reise. Die Hauptstadt Frank-reichs war damals noch voll von Erinnerungen an die Revolutionund das Kaiserreich. Seine Interessen wurden seitdem jenemmerk-würdigsten Phaenomen moderner Zeit", der französischen Revolution,zugewandt, deren Ausklänge einst von ferne das Ohr des Kindesnoch berührt hatten.

So fehen wir Carlyle in den folgenden Jahren neben Kant,Schelling, Fichte, Herder, dessen Ideen zur Geschichte der Menschheiter besonders schätzte, neben Naleigh, Shaftesbury, Temple und an-dern Landsleuten, den Schriftstellern der französischen Revolutionzugewandt. Aus diesen Studien ging ein Aufsatz über Voltairehervor, welchen er als den personifizierten Franzosentypus jenerZeit ansah.

Auch mit den St. Simonisten, welche auf die größten Männerder damaligen Zeit Einfluß übten, trat Carlyle in Beziehung.Hieraus erklären sich die Berührungspunkte Carlyles mit AugustComte, welcher zahlreiche Jünger Carlyles später der in England aufkommenden Positivistischen Schule zuführte, welche ich an anderemOrte besprach.*)

») Zum sozialen Frieden. Band II <S. 377).