— 23 —
Indem wir Carlyles innere Entwickelung nnd Studien schil-derten, haben wir zeitlich vorausgegriffen und kommen erst hierauf eiu Ereignis zu sprechen, welches bis in das Jahr 1S21 zurück-liegt: seine Bekanntschaft mit Jane Welsh , welche 1826 seine Frauwurde. Die Entwicklung dieses Verhältnisses gleicht nicht einerLiebesgeschichte im gewöhnlichen Sinne des Wortes; sie ist jedochvon hervorragendem psychologischen Interesse und für CarlylesLeben zu wichtig geworden, um hier nicht darauf zu verweileu.
Craigenputtock, zu deutsch „Falkenstein", ist ein hochgelegenes,von Mooren umgebenes Gütchen, auf der Wasserscheide zwischender Grafschaft Dumfries und Galloway. Das kahle, auk Jahr-hunderte hinaus gebaute Haus liegt an einem von Kieferpflan-zungen geschützten Abhang und ist von ein paar Morgen kultur-fähig gemachten Graslandes umgeben; — eine grüne Insel mittenunter haidebewachseneu Hügeln, Schafweiden und Torfmooren. Hierhatte seit vielen Menschenaltern eine dem niedern Landadel ange-hörige Familie Welsh gewohnt. Ein John Welsh war der be-rühmte Prediger in Ayr, der die Tochter von John Knox heiratete.„Knox und Welsh" hatte einst der König Jacob dieser Frau gesagt,„solch ein Paar hat der Teufel noch nicht zusammengebracht."„Wohl möglich Sire," antwortete sie, „wir haben auch nie umseinen Rat gefragt."
Eine Familie mit solchen Vorfahren besaß bemerkenswerteEigenschaften. „Es waren mehrere Schlingel nnter den Welsh,aber so viel ich weiß kein Dummkopf." Der Vater von CarlylesFrau studierte Medizin und heiratete im Jahre 18VV ebenfalls eineWelsh, obschon keine Verwandte. Auch sie rühmte sich edler Ab-kunft. Sie führte ihren Stammbaum auf den Helden Wallace zu-rück, welcher einst Schottlands Freiheit gegen die eindringendenEngländer verteidigt hatte. Das einzige Kind dieser Eltern warJane Baillie Welsh , die spätere Frau Carlyles. Froude, welcherihr persönlich nahestand, beschreibt ihre Erscheinung mit folgendenWorten:
„Sie hatte schwarze Haare, dunkle, große Augen, die vonleisem Spott glänzten, eine blasse Gesichtsfarbe, breite Stirne undeine wie die Augen spöttische, unregelmäßig geformte Nase. IhreFigur war zart, anmutig und luftig. Man hielt sie für schön;und schön war sie bis ans Ende ihres Lebens, wenn das ein schönesGesicht ist, das uns Bewunderung abnötigt. Schönheit war abernur der zweite Eindruck, den man von ihrer Erscheinung erhielt,der erste war der geistiger Lebendigkeit."