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Ihre Erziehung war eine äußerst sorgfältige. Auf ihrenWunsch erhielt sie eine klassische Bildung und lebte als Kind inder Welt des Altertums. Ihr Unterricht wurde dem oben erwähntenJrving anvertraut, welcher mehrere Jahre als Hauslehrer in derFamilie des Dr. Welsh lebte. Die Grundlage der Erziehung warder Begriff der Pflicht und des Gehorsams. Aber der Gehorsamwar kein erzwungener. Leidenschaftlich hing die Tochter au demVater, welcher eine würdige, ernste, selbstbewußte Natur war undals begehrter Arzt vielen Hilfe gebracht hatte. In späteren Auf-zeichnungen gedenkt Jane als bejahrte Frau ihres Vaters als einer„Person, deren Willen mir Gesetz war". Um so mehr schloß sichdie Tochter dem Vater an, als sie der Mutter an geistiger Begabungwie Willensstärke weit überlegen war. Leider verlor Jane Welshihren Vater früh; zeitlebens hing sie an seiner Erinnerung als demteuersten Besitz ihres Lebens.
Dr. Welsh hinterließ alles, was er besaß, seiner Tochter, bisauf einen unbedeutenden Jahresgehalt für seine Witwe. Obschondas Vermögen nach modernen Begriffen nicht groß war, so genügtees doch, um der Mutter uud Tochter ein bequemes, ja vornehmesLeben zu gestatten.
Fräulein Welsh war nun eine Erbin, dazu kam ihr Geistund ihre Schönheit. Man nannte sie die „Blume von Haddington".Allein sie erhörte keinen ihrer zahlreichen Verehrer. Zwischen ihrund ihrem einstigen Lehrer Jrving hatte sich nämlich schon frühe eineNeigung entsponnen. Lauge unbewußt und unausgesprochen, kamdieses Verhältnis endlich zur Erklärung. Aber Jrving hatte sichvor Jahren etwas unvorsichtig, wie es scheint, mit der Tochter einesPredigers in Kirkaldu verlobt. Lange Jahre hindurch war ihmdie Verlobte treu geblieben; durch die Forderungen der Ehre unddes Gewissens war er gebunden. Zeitweise hoffte er, daß er vonseinem Versprechen freigegeben werden würde. Aber der Vater derBraut, dem er sein Herz eröffnete, berief sich auf das gegebeneVersprechen. Ohne Schwanken unterwarf sich Jrving, obschon !erspäter gestand, in dem Kampfe beinahe seinen Glauben und seineGrundsätze verloren zu haben. Er heiratete, zog nach London undstürzte sich in religiöse Aufregung. Er hatte als Prediger in London ungeheure Erfolge. Die vornehme Welt rannte ihm nach. Staats-männer, wie Brougham und Canning, bestellten Platze in seinerKirche. Der Zugang zu seiner Wohnung war oft von Equipageugesperrt. Aber der schlichte, aufrichtige Jrving war nicht mehr.„Glauben und Grundsätze" mochten gewahrt sein, aber sein Ber -