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stand hatte gelitten. Immer tiefer versank er in den Ozean reli-giöser Wahngebilde. Er starb früh, geistig und körperlich gebrochen— der Stifter der nach ihm benannten Sekte. „Von Zungenredenwürde nicht die Rede gewesen sein," sagte Frau Carlyle einmal,„wenn Jrving mich geheiratet hätte."
Auch für Jane war der Verzicht kein leichter; denn sie wareine leidenschaftliche Natur und hatte die Gefühle Jrvings „leiden-schaftlich" erwidert. Zeitweise hatte sie sich in der Hoffnung gewiegt,Jrving frei zu sehen. Als sie später ihre Hoffnung getäuscht sah,trug sie die eine große Leidenschaft ihres Lebens zu Grabe. IhrVerkehr mit Jrving wurde durch dessen Verheiratung abgebrochen.
Tonangebend in ihrer Vaterstadt war Jane Welsh der Mittel-punkt eines geistreichen Kreises? aber ihr Sinn stand nach andernErfolgen als denen der Gesellschaft. Sie wandte sich der Litteraturzu und trug sich mit der ehrgeizigen Absicht, als SchriftstellerinNamen und Ruhm zu erringen. Um diese Pläne zu fördern, hatteJrving selbst ihr die Bekanntschaft Carlyles vermittelt. Carlhlepflegte ihr Bücher zuzuschicken, litterarische Neuheiten zu besprechen,ihre Verse zu korrigieren. Weder Jrving noch Jane Welsh mögendaran gedacht haben, daß aus der Bekanntschaft mit dem armen,unbeholfenen und verschlossenen Bauernsohn mehr werden könnte,als was sie anfänglich war, eine rein geschäftliche Beziehung.Carlyle dagegen scheint frühe anders empfunden zu haben.
Als aber Carlyle in einem seiner ersten Briefe einen ritter-lichen Ton anschlug, gab ihm Jane zu verstehen, daß ein solcherTon ihr unangenehm sei. Das Verhältnis, welches sich eine Reihevon Jahren fortsetzte, war, von ihrer Seite wenigstens, nichts mehrals eine litterarische Freundschaft. Als das begabte Mädchen indie Gedankenwelt dieses merkwürdigen Zeitgenossen einzudringenanfing, begann sie den schlichten Schulmeister mit andern Augen alsbisher anzusehen! würdigte doch der große Goethe, den Carlyle sieverehren gelehrt hatte, gerade in jener Zeit den unbekannten undbisher erfolglosen jungen Mann der ersten ermutigenden und aner-kennenden Zeilen. Andrerseits konnte sie sich, nicht der Einsichtverschließen, daß hier ein Genie mit den widerwärtigsten Umständenringe. Carlyle arbeitete langsam und nicht ans äußeren Anstoßund doch mußte er durch Beiträge in Zeitschriften sein Brot ver-dienen, wovon er den Seinen noch abgab. Carlyles Gesundheitwar leidend; von schweren Verdauungsstörungen heimgesucht, wurdenihm nur selten Stuuden zu teil, in denen er sich zur litterarischenProduktion aufgelegt fühlte, und doch mußte er eben diese Zeit zu