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Privatstunden verwenden. Endlich waren zwar die Essays undKritiken über die deutsche Litteratur, welche Carlyle in jenen Jahrenveröffentlichte, vom Publikum günstig aufgenommen worden; da-gegen war die Lesewelt für die eignen Gedanken Carlyles noch nichtreif. Jedenfalls waren sie wenig geeignet, dem Verfasser einenBroterwerb zu gewähren.
Solche Erwägungen mögen es gewesen sein, die in JaneWelsh einen Entschluß reifen ließen, welcher ihren romantischen ,Neigungen entsprach: einem Manne, der durch äußere Umständean der Entfaltung seiner außerordentlichen Gaben verhindert war,zu helfen. Schon nach zwei Jahren ihrer Bekanntschaft scheint sieeine Heirat mit Carlyle als entfernte Möglichkeit in das Auge ge-faßt zu haben, ohne freilich Carlyle selbst ihre Gedanken zu ver-raten. Doch machte sie bereits damals ein Testament, in dem sieCarlyle zum Erben einsetzte und übertrug den Nießbrauch ihresgesamten Vermögens ihrer Mutter mit der Begründung, daß siemöglicherweise zu heiraten gedächte und das Einkommen ihrer Mntternicht in der Verfügung ihres Gatten sehen wolle.
Mehr und mehr gewann in den folgenden Jahren für Carlyledas Verhältnis zu Jane Welsh an Bedeutung. Carlyle war zeit-lebens nur widerwillig Schriftsteller und stets betrachtete er dasbäuerliche Leben, wie es ihn in seiner Kindheit umgab, als Ideal.Er ging damals mit dem Plane um, eine Farm zu pachten, Bauerzu werden und Litteratur nur nebenbei zu treiben. Über dieser Ver-bindung hätte gewiß beides, Landwirtschaft wie Schriftstellerei, ge-litten, und Jane Welsh legte ihm mit rücksichtsloser Schärfe seineUntüchtigkeit zum Landwirt dar. Carlyle fügte sich und blieb derLitteratur erhalten.
Ohne daß von einer Verlobung die Rede war, trieben dieBeziehungen beider allmählich einer Heirat zu. Hatte sie ihm dochbereits geschrieben, daß sie zwar nicht in ihn verliebt sei, wvhl aberihn liebe nnd daß die besten Seiten ihrer Natur mit dieser ihrerLiebe in Beziehung stünden.
Durch unliebsame Einmischung dritter Personen wurde dasVerhältnis zwischen Carlyle nnd Jane Welsh rasch zur Entschei-dung geführt. Bezeichnend für beide ist ein Brief, in dem sie ihrenEntschluß einer Verwandten mitteilt. „Vermutlich hat manIhnen erzählt, daß mein Bräutigam arm ist (denn das herauszu-finden, erfordert keinen bedeutenden Scharssinn); und zweitens hatman sich höchst wahrscheinlich in einigen nicht gerade schmeichel-haften Bemerkungen über seine Geburt ergangen, und dies um