Druckschrift 
Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
27
Einzelbild herunterladen
 

27

so wahrscheinlicher, falls die Kritiker selbst von geringer oderzweifelhafter Herkunft waren; traf es sich aber, daß sie zu denLeuten gemeiner Eleganz mit durchaus micht unbestrittenen An-sprüchen auf ein gutes Aussehn gehörten, so haben sie ihn sicher-lich auch für unmanierlich und häßlich erklärt. Aber hundert gegeneins, sie haben Ihnen nicht gesagt, daß er einer der gescheitestenMänner seiner Zeit ist, und nicht nur der gescheitesten, sondernauch der aufgeklärtesten; daß er alle die Eigenschaften besitzt, dieich für meinen Gatten für nötig erachte: ein warmes, treuesHerz, um mich zu lieben, einen gewaltigen Verstand, um mich zubeherrschen und eine Feuerseele, um der Leitstern meines Lebenszu sein. Ausgezeichnete Gaben dieser Art erfordern aber immerschon einen gewissen Grad von überlegener Einsicht bei denen, diesie gehörig zu würdigen wissen. In den Augen der Kanaille, derarmen, seelenlosen, elenden Seele, sind dieselben bloße Thorheit;und es ist ja lediglich die Kanaille, die über anderer Leute Ange-legenheiten schwatzt."

Nicht ohne ungewöhnliches Zagen auf beiden Seiten kam derHochzeitstag heran. Carlyle wußte, daßer ein wunderlicher Kauzim Umgänge war". Noch wenige Tage vor dergehässigen Zere-monie" schrieb er seiner Braut, daß bei ihm die besten Vorsätze inder Praxis oft zunichte würden und daß manchmal nicht er, sondernder Teufel aus ihm spreche. Sie hatte in jahrelanger Bekanntschaftihn zu genügend kennen gelernt, um vor ihrer Aufgabe zurückzu-schrecken; ihre Natur neigte nicht zu leichten Entschlüssen.

Froude, welcher lange Jahre bei Carlyles aus und einging,äußert sich über ihre Ehe folgendermaßen:

Carlyles Ehe war nicht glücklich im rosigen Sinne des WortesGlück. Die schneidigen Ränder der Schleiffläche zweier Diamantenbleiben trotz der Reibungen und Widerwärtigkeiten des täglichenLebens scharf, und sie schleifen sich nie zu Oberflächen ab, die genauauf einander passen. Ein Mann und eine Frau von außer-gewöhnlicher Originalität und Genie sind nur dann passendeLebensgefährten, wenn sie noch ein anderes Ziel im Auge haben,außer dem bloßen Glück, das sie ohne Murren auch entbehrenwürden. Während der vierzig Jahre, die diese zwei außerordent-lichen Personen zusammen verlebten, war ihr Benehmen der Weltund sich selbst gegenüber im wesentlichen von tadelloser Aufrichtig-keit. Wenn sein Eifer je nachließ, so war es seine Frau, die ihnanspornte, und sie wollte ihm nicht gestatten, je weniger als seinBestes zu thun. Sie schmeichelte niemals, am wenigsten ihrem