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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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Thätigkeit des einzelnen zu seiner Bedeutung für die Gesamt-heit, so sehen wir, daß die Handlungen der Menschen durchihn mehr und mehr nach gemeinsamen Zielen sich richten.Denn die Glaubensvorstellungen sind bei allen oder dochinnerhalb gewisser Klassen der Gesellschaft zur Zeit dieselben.Es entsprechen ihnen objektive, für viele oder alle geltendeRegeln des Handelns. Sie bilden dieäußeren Formen"des gesellschaftlichen Lebens, welches sich in ihnen bewegt.Sie erst gliedern die sonst unterschiedslose Masse kämpfeuderIndividuen; sie organisieren'die Gesellschaft. Der Menschkann nicht ohne gewisse Formen leben, d. i. Sitten, autori-tative Wege des Handelns.Ildi liominss idi raoäi". Bildetder Altruismus den inneren Grund einer gesellschaftlichenZusammenfassung der Menschen, so sind das äußere Mittel,durch welche sie verbunden werden, die Sitten. Carlylenennt sie bildlichsooikl vssturss",soviel Aarniturs", d. i.gesellschaftliche Gewänder.Ohne dieses System von festge-setzten Wegen des Glaubens und Handelns," sagt er,würde dieGesellschaft überhaupt gar nicht existieren. Durch jene existiertsie; in ihnen auch, wie immer entstanden und aufrecht er-halten, liegt das wahre Gesetzbuch und die Verfassung derGesellschaft, welcher sie in keiner Weise ungehorsam seinkann. Das Ding, das man geschriebenes Recht, Verfassung,Regierungsform u. f. w. nennt, ist nur ein Miniaturbild,ein feierlich ausgesprochener Abriß dieses ungeschriebenenKodex ist es oder ist es auch nicht, aber sollte es immer,sein und strebt immer dahin, es zu sein. In diesem letzterenGegensatz liegt der Grund zu endlosen Kämpfen." Dieäußeren Formen der Gesellschaft hängen, wie oben gezeigt, vonden inneren Formen ab. Ähnlich wie nach A. ComtcdieIdeen die Welt regieren und umstürzen", so sind es auchfür Carlhle dieinneren Formen", derGlaube" der Men-schen, wovon die äußere Verfassung der Gesellschaft abhängt.Wie daher nach Carlyle dieses vergänglich ist, so ist es auchjene. Die entsprechenden Veränderungen beider folgen zeit-lich auf einander, so daß ein System der Gesellschaft nochlange bestehen kann, nachdem bereits der Glaube, dessen Aus-

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