— 99 —
stehenden Zusammenhänge unter den Menschen sind diesemersten Anstoß gefolgt. Aber nicht diese dürfen bei der Be-urtcilung desselben ausschlaggebend sein, sondern vielmehrder Geist, welcher die Reformation selber trug. Darin liegtihre Stärke, daß sie rückhaltlos erklärte: „Was immer dieFolgen seien, das Ding, das dir unwahr scheint, glaube nicht."Indem sie einen Scheinglauben beseitigte, setzte sie damit dieerste Vorbedingung zu wahrem Glauben, ähnlich wie daraufdie politische Revolution, indem sie Scheinherrscher beseitigt,wahren Herrschern den Boden bereitet. Von diesem Stand-punkte aus findet Carlyle daher in dem Protestantismus,„was für anarchische Demokratie er immer hervorgebrachthat, den Anfang einer neuen, echten Herrschaft und Ordnung."„Ich sehe in ihr," sagt er, „die Empörung gegen falscheHerrscher, die schmerzvolle, aber unentbehrliche Vorbereitungdafür, daß wahre Herrscher wieder unter uns Platz finden,"
Wer aber die Reformation allein von ihrer negativenSeite betrachtet, wird ihr nur zur Hälfte gerecht. Ja erläßt gerade das eigentümliche Merkmal, durch welches siesich vor den folgenden Zeiten auszeichnet, außer acht. Siebesaß noch einen lebendigen positiven Glaubensinhalt. DasZeitalter der Reformation bildet so die letzte positive Periodeder europäischen Geschichte und ist, weil es uns zeitlich amnächsten liegt, ganz besonders geeignet, die Eigentümlichkeiteneiner positiven Zeit im Gegensatz zur negativen zum Bewußt-sein zu bringen.
Die Reformation hat zum letztenmale noch Helden nachCarlyles Sinne hervorgebracht, während die folgenden Jahr-hunderte nur Halbhelden zeitigten. Ein solcher Held fürCarlyle ist vor allem Luther, „der mutigste Mann des mutigenteutonischen Geschlechts". Er zeigt alle Merkmale, die Carlyledem Helden beilegt: unbedingtes Suchen der Wahrheit undZurückgehen vom Schein zur Thatsache , daneben ein ihmunzweifelhaftes Ziel seines Daseins nicht diesseitiger, sondernjenseitiger Natur. Folge hiervon ist, daß nicht persönlicheErwägungen — etwa Ruhmsucht oder Ehrgeiz — ihn treiben,sondern vielmehr jenes transcendente Ziel, das ihn als gött-
7*