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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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ist nach Carlyle ein schlagendes Beispiel für das, was sichüberall in der Weltgeschichte bewährt: die Überlegenheitder Idee.

Wie sehr weiß Carlyle den Puritanern nachzufühlen,wie versteht er, durch kleine Züge, die er aus den Aktenausgräbt, ihre Denkweise im Gegensatz zu der unsern lebendigzu machen, die Fremdartigkeit, das Erstaunliche jcuer Zeitin ein Helles Licht zu setzen!

So erzählt er z> B>, als Cromwell die Schotten ge-schlagen und Edinburg besetzt hatte, habe sich die Stadtver-waltung über die Ausschreitungen seiner Soldaten beklagt.Worin hätten nun die Ausschreitungen bestanden? Nichtin solchen, wie sie ein siegreiches Heer in einer erobertenStadt sich gewöhnlich zu schulden kommen lasse, sonderndarin, daß die Soldaten die Geschäfte der angestellten Geist-lichkeit sich anmaßten, Predigten hielten, Seelsorge übten undSakramente verwalteten.

Insbesondere ist Cromwell nach Carlyle nur dann zuverstehen, wenn man ihn von der Idee eines Jenseits erfülltdenkt.Täglich zu sterben" erklärte er für die Aufgabeseines Lebens, und zwar nicht, wie man mißverständlich ge-meint hat, als Heuchler. Vielmehr lassen die von Carlylegesammelten Briefe an seine nächsten Angehörigen, bei denenjede Rücksicht auf die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist, in ihmeinen Mann erkennen, der nach schweren inneren Kämpfenund Schwankungen einen Boden gefunden hat, von dem ausseiu Handeln eine zielbewußte Einheit empfängt. Er handeltnicht individualistisch, sondern vielmehr als Werkzeug Gottes,dessen Willen zu erkennen und auszuführen sein täglichesGebet ist.

Carlyle zeigt ferner, wie, diesen Grundunterschied gesetzt,Cromwell viele moderne Züge trägt. Obwohl durchausgläubig, steht er dem überlieferten Glaubenssystem vollständigunabhängig gegenüber. Jede Beurteilung andrer in Glaubens-sachen weist er von sich ah; Gewissenszwang ist ihm Ge-wissensmord, daher er und die Puritaner als die ersten Ge-wissensfreiheit fordern. Damit fällt ihm auch die bisherige