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Umwälzung" von 1688 zu nennen pflegt. So wie jene Be-wegung aus der Idee geboren war, ein historisch merkwür-diges Phänomen, ebenso verächtlich und innerlich wertloswar das zweite Ereignis. Was dort Glaube gewesen, warhier Geldsucht und Ehrgeiz. Es ist bezeichnend, daß manein Ereignis, daß aus solchen Motiven hervorging, als dieGrundlage der öffentlichen Zustände Englands in den folgen-den Jahrhunderten ansieht.*)
Seitdem ist in den Mittelklassen weithin an Stelle vonReligion jene Heuchelei getreten, die Carlyle seinen Lands-leuten zum schweren Vorwurf macht, an Stelle von Gott das Vorgeben von Gott . Thatsächlich herrscht der Indivi-dualismus, welcher auch in diesen Kreisen seine erste theo-retische Ausbildung fand. Hierauf auch beruht CarlylesGegensatz zu der orthodoxen englischen Staatskirche. Sieschien ihm gefährlich, weil sie die" freie Entwicklung desevangelischen Gedankens hemmte. Sie schien ihm verächtlich,weil sie zu einer Stütze der ohnehin Mächtigen gewordenwar, mit dem Geldinteresse der Mittelklassen sich verbündethatte und aus solchen Gründen innerlich veraltete Glaubens-formen aufrecht erhielt.
Gerade auf diesem Gebiete gab Carlyle den Anstoß zueinem höchst bedeutenden Umschwung innerhalb der englischenKirche, deren Geistlichkeit heute mehr und mehr vom Stand-punkt des Kapitals auf den der Arbeit hinübertritt, wie ichin meinem Werke „Zum sozialen Friedeu" geschildert habe.Sobald sie sich damit aber wieder auf die Massen stützt,wird sie auf die Dauer auch die starre Orthodoxie aufgebenmüssen, welche mit einem demokratischen Geiste heute unver-einbar geworden ist. Was an die Stelle setzen? Carlyleweiß, daß, wenn nicht Leere eintreten soll, hier diedeutsche Geistesarbeit des neunzehnten Jahrhunderts Ersatzzu schaffen hat.
') Carlyle steht in seiner Auffassung der Revolution von
1688 nicht allein da; im wesentlichen ist sie dieselbe wie die Ma-
caulays und die Taines. Vergl. Taine, Geschichte der englischen
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