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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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England und Deutschland haben noch gewisse positiveElemente in ihrem Volksleben, auf deren WeiterentwicklungCarlyle seine Hoffnung setzt. Frankreich hat die Hugenottenvertrieben, es erhielt dafür die Atheisten und die Jakobiner.Dort findet die negative Seite der Reformation ihre Fort-entwicklung, es ist der Ausgangspunkt der revolutionärenBewegung der Gegenwart.

Die Revolution.

Ein Grundgedanke Carlyles ist der enge Zusammen-hang zwischen innern und äußern Formen der Gesellschaft,die gegenseitige Abhängigkeit der psychologischen Zustände inden Menschen und der sozialen Zustände unter den Menschen.Aber zwischen beiden kann zeitweise ein Zwiespalt eintreten:das Glaubknssystem zerfällt. Das soziale System dagegen,welches darauf beruht, bleibt bestehen; es wird zur Lüge,bis endlich eine Folge der herrschenden Glaubenslosigkeit der Individualismus auftritt, um die leblos gewordenenFormen zu beseitigen.

In welcher Lage befinden wir uns nach Carlyle heute?Mächtige Glaubensvorstcllungen hatten einst das Gesellschafts-system des Mittelalters hervorgerufen. Der Zwiespalt nun,der unsere Zeit durchzieht, besteht darin, daß die äußerenFormen der alten Zeit teilweise noch fortbestehen, währendder ihnen entsprechende subjektive Inhalt verflüchtigt ist.

Der eine Teil Europas hatte in der sogenannten Re-formation wenigstens den Versuch der Fortbildung der über-kommenen Glaubensformen gemacht. Der andre, vorwiegendromanische, hatte sie äußerlich festgehalten, nicht etwa des-halb, weil er von ihnen noch beherrscht gewesen wäre, son-dern im Gegenteil, weil für die geistig führenden Kreise derGlaube dort bereits aufgehört hatte, überhaupt Lebensintcressezu sein. Bei diesen Nationen traten jene destruktiven Rich-tungen zuerst uud mit besondrer Schärfe auf, welche derGegenwart die Signatur eines Zeitalters der Revolution geben.

So war die große französische Revolution, in die nochdie Jugendjahre Carlyles hineinfielen, für ihn eine großartige