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Menge der Unchrlichkeit von Herrschern aller Art, geistlichenwie weltlichen Standes, muß sich da seit Jahrhunderten an-gesammelt haben!"
Carlylc macht innerhalb der destruktiven Richtungenfolgenden Unterschied. Zuerst kamen die skeptischen Philo-sophen, deren Wirkungen Carlyle als rein negative bezeichnet— übereinstimmend mit Comte, welcher unter diesem Ge-sichtspunkte jene Männer in seinen Heiligenkalender nichtaufnahm.
Der einflußreichste unter diesen Schriftstellern ist Voltaire .Er ist thatsächlich mehr der Herrscher Frankreichs , als dieäußerlich bestehende» Gewalten. „Er wird bald nicht über,sondern in allen Köpfen herrschen: Könige und Kaiser werdenseine ausführenden Minister sein."
Wie sein Jahrhundert überhaupt, war auch er skeptischgesinnt. Carlyle bemerkt über Voltaire, derselbe frage beijedem Gegenstande nicht darnach, was wahr, sondern viel-mehr darnach, was falsch sei.*) Wenige Geister, die aufnegativem Gebiete gleich mächtig gewirkt, ohne dabei irgend-welches Bedürfnis positiven Aufbaues zn empfinden.
Vor allem richten sich Voltaires Angriffe gegen dasChristentum. Diese ganze Kritik aber zerfällt, wenn mandie Vorstellung einer „Totalinspiration" aufgicbt und einehistorische Betrachtungsweise anwendet.
Trotzdem oder gerade deshalb, weil er so wenig überdem Durchschnitt seiner Zeit stand, waren Voltaires Wir-kungen binnen weniger Jahre ungeheure. Durch ihn mehrals durch irgend einen andern Schriftsteller wurde der Skepti-zismus in die Massen hineingetragen, d. h. „die innernFormen der Gesellschaft aufgelöst". Nach Carlyle ist derGrundton dieser Anschauung: „Lügen soll man nicht glauben,Glauben ist überhaupt unmöglich; nichts ist sicher, als daßVergnügen Vergnügen ist."
Aber noch ist die bezeichnete Richtuug nicht die Revo-
*) Ls.rlM, Niso. Zs. II. S. 184.