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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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durch eintretende Verminderung des Arbeitsangebotes zubessern, so läuft dies auf eine Verschiebung jenes Macht-verhältnisses hinaus: der Trieb nach Gewinn hätte über denGeschlechtstrieb und damit die Theorie der Nationalökonomenüber die Natur den Sieg davon getragen. Dieses ist freilichwenig wahrscheinlich. .Meint ihr denn," spottet Carlyle,daß ein goldenes Zeitalter dadurch heraufkommen wird, daß20 Millionen Arbeiter gleichzeitig auf diesem Gebiete streiken,indem sie in einem allumfassenden Gewerkverein den Beschlußdurchsetzen, sich nicht eher zu begatten, als bis der Zustanddes Arbeitsmarktes wieder ein befriedigender wird?"*) DieMalthusianer selbst glauben nicht an den Erfolg ihres Rat-schlages. Daher die Furcht vor Übervölkerung, die damalsin England die weitesten Kreise ergriffen hatte.In diesenVorstellungen ist nirgends Licht," sagt Carlyle,sondern nurein grimmiges Bild des Hungers, offene Mäuler, die sichimmer weiter und weiter öffnen, eine Welt, die auf diefurchtbarste Weise durch eine vom Hunger zum Wahnsinngetriebene, sich gegenseitig auffressende Bevölkerung zu Grundegeht."**)

Da von der freiwilligen Enthaltsamkeit nicht viel zuerwarten ist, so sind es künstliche Mittel, welche die er-schreckten Politiker und Nationalökonomen empfehlen, um dieZunahme der Bevölkerung einzuschränken. Carlyle nimmtauf eine Schrift Bezug, welche zur Zeit der Abfassung seinesChartismus wiederholt verlegt und in Massen verkauft wurde.Der Verfasser, welcher sich an die Arbeiter wendet, schlägtdarin ein System der Kindertötung vor. Von den Malthus -schen Ideen erfüllt, hält er ein solches Verfahren für einePflicht des Patriotismus, der die Mutterliebe sich beugenmüsse.Man könnte ja auch schöne Friedhöfe bauen mit Ko-lonnaden und Blumen", in denen die patriotischen Kinder-mördcrinnen, meint Carlyle ironisch,ihren Abendspazicrgangzu Kontemplationszwecken machen könnten".Wäre da nicht,"

*) Vergl. Chartismus Kap. X.

*) Verg5, La.rt.oi- Re8s,rtu8, Ausgabe von Fischer, S. 222.