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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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zu. Andererseits aber stellt sie doch diese Berechtigung alseine relative fest und hebt damit den Materialismus alsWeltanschauung auf. Sie begründet so die Möglichkeit einesGlaubens. Dabei aber schneidet sie ein für alle mal denVersuch ab, den Glauben vcrstaudesgemäß zu beweisen. Siehebt alle spekulative Metaphysik auf, und leitet, um den be-rühmt gewordenen Ausdruck Comtes zu gebrauchen, mitdessen Gedanken auch hier Carlyle sich berührt, eine PeriodedesPositivismns" ein: sie bildet nach Carlyle dieEuthanasieder Metaphysik".*)

Carlyle braucht folgenden Vergleich, nm die Bedeutungder neuen Richtung darzulegen: die bisherige Philosophie,wie sie iu England und Frankreich noch herrsche, bedeuteeinen stets erfolgloscu Versuch des Geistes, sich über denGeist zu erheben, ihn einzuschließen uud zu umfassen, ähnlichwie der stärkste Athlet sich stets vergeblich bemühen würde,den eigenen Körper mit seinen Armen zu umfassen und emporzu heben. Jener irische Heilige sei zwar über den Kanalgeschwommen und habe dabei seinen Kopf zwischen denZähnen gehalten, aber noch keiner habe es ihm nachgemacht.Der einzige Dienst vielmehr, den man jenem Athleten leistenkönne, bestehe darin, ihn zu bewegen, aus seiner lähmendenPositur herauszutreten und eine freie, natürliche Stellungeinzunehmen.'^) Eincu ähnlichen Dienst hat die von denDeutschen eingeleitete Bewegung dem menschlichen Geiste ge-leistet. In ihr erreicht der Skeptizismus den Punkt, wodie Negation sich selbst aufhebt, wo es als ein notwendiger-weise unfruchtbares Bemühen erkannt wird,die Überzeugungaus der Verneinung zu deduzieren".Wie soll man," frägtCarlyle,durch bloßes Untersuchen uud Verwerfen dessen,was nicht ist, jemals die Kenntnis dessen erlangen, was ist?Die Spekulation muß ebenso, wie sie mit dem Nein beginnt,auch notwendig mit dem Nein enden; sie bewegt sich inendlosen Zirkeln uud schafft und verschlingt sich selbst."^**)

*) Brief an Emerson Bd. I, S. 67.**) Vergl. Kretzschmar II, S. 2SI.

Vergl. Krchschmar II, S. 237. Es ist dies der Carlylesche