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Carlyles positivistischcr Standpunkt zeigt sich z, B, inseinem Leben Sterlings. Dieser, ein feinfühlender und hoch-begabter Geist, hatte den Versuch gemacht, eine religiöseWeltanschauung durch spekulative Mittel verstandesgemäß zubegründen. Carlyle mißbilligt diesen Versuch als den einesschwachen, nach der Seite des Willens nicht genügend be-gabten Geistes. Noch schärfer wendet er sich gegen denLehrer Sterlings, den seiner Zeit in England wohlbekanntenPhilosophen Coleridge . Er verurteilt als „logische Alche-mie" ic., die Bemühungen desselben, — unter Mißanwcndungder Kantschen Unterscheidung zwischen Verstand und Ver-nunft — Hirngespinnstc wieder einzuschmuggeln, d?c wo-möglich noch gewagter seien, als die der alten spekulative:!Philosophie. Ganz ebenso hätte Carlyle gegen viele derdeutschen Fortbildner Kants sein müssen.
Ja, diesem selbst ist er durchaus nicht überall hin ge-folgt. Mit Vorliebe trägt er Kantische Lehren in einer in-direkten Redeform vor, welche sie als fremde und nicht un-bestreitbare erscheinen läßt. Das Verdienst jener von Deutsch-land ausgehenden litterarischen Bewegung liegt eben fürCarlyle nicht in einer abgeschlossenen Leistung, nicht in un-angreifbaren Sätzen — wann hätte der menschliche Geistsolche je hervorgebracht? Aber sie bedeutet, wenn auch uochreich verquickt mit Elementen der alten Zeit — das Auf-dämmern einer neuen Periode des menschlichen Denkens.
Bis hierhin geht zugleich die Berührung Carlyles mitComte. Beide erkennen an, daß der menschliche Verstandsich bisher auf Gebieten bewegt habe, die ihm seinem Wesennach nicht zustehen. Comte nun beschränkt die Aufgabe derErkenntnis darauf, das Material der sinnlichen Erfahrungzu ordnen; denn mehr vermöge der menschliche Geist nicht.*)Weit verschieden davon ist der Standpunkt Carlyles. Bei
Ausdruck für die Relativität aller Erkenntnis, den Grundgedankenjedes Positivismus.
*) Er ist gewiß nicht in dem Sinne Materialist, daß fürihn der Stoff eine absolute Realität besitzt. Vcrgl. unten.