— 169 —
„Wehe dem Lande, dem in solchen Zeiten kein Prophetaufsteht, sondern nur Tadler, Satiriker und ironische Despe-rados, die das Übel nur schlimmer machen und im bestenFalle ein Ende beschleunigen. Das alte Europa hatte seinenTacitus und Juvenal gehabt, aber diese richteten nichts aus!Auch das neue Europa hat seine Mirabeaus und Byrons,seine Napoleons und unzählige rotflammcnde Meteore gehabt,welche Pestilenz aus ihrem Haar schüttelten ^ Sintfluten unddas Chaos siud wiedergekommen. Der klare Stern aber, derVorbote des Tages, ist noch nicht erkannt worden.
„Daß in Goethe die Kraft lag, aus den Widersprüchen,zu welchen der Mensch geboren wird, eine Versöhnung an-zubahnen, charakterisiert ihn als den starken Geist seiner
Zeit.--Das, was dieser Mann zu versöhnen ausersehen
war, war das innere geistige Chaos, der Mittelpunkt alleräußeren und inneren Wirrsale, aus welchem die moralische,intellektuelle uud soziale Zersetzung hervorgeht. — — Goethewird dadurch nicht bloß für den größten Mann seiner Zeiterklärt, sondern für einen Mann aller Zeiten, eine der Land-marken in der Geschichte der Menschheit."
Aus dem vorhergehenden crgicbt sich, daß für Carlylcdie durch die Namen Kant und Goethe bezeichnete Gcdanken-bewegung von höchster Wichtigkeit war. Mußte er bei derBetrachtung der äußeren Ereignisse seine Zeit fürchten, daßeine gänzliche Auflösung sich vorbereite, so waren auf demGebiete der inneren Geschichte wieder Erscheinungen aufge-treten, die einen positiven Charakter an sich trugen und auchfür die äußere Entwicklung einen Wendepunkt möglich er-scheinen ließen. „Ein großes Werk geht in diesen Tagenvor sich, ist bereits begonnen worden, schreitet langsam voranund kann nicht leicht zum Stillstand gebracht werden —— — kein geringeres Werk als die Wiederherstellung Gottesund dessen, was in den Traditionen und der Geschichte derMenschheit göttlich war, aber während langer hcrnnterge-kommener Jahrhunderte vergessen oder falsch erinnert wurde.Die wichtige, noch immer erhabene und gesegnete Thatsachevon alledem, was man einst unter Gott und dem Göttlichen