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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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Demokratie" mit der gleichunvermeidlichen Souveränität"besteht.Hierin liegt die Aufgabe von Jahrhunderten; manweiß nicht, ob sie gesegnet oder ungcsegnct sein werden, jenachdem sie mit tapferm Streben darin Fortschritt machenoder mit träger Lügenhaftigkeit nur vom Fortschritt schwatzen.Denn entweder Fortschritt hierin oder Fortschritt zur Auf-lösung ist hinfort die Frage."^)

Auf welchem Wege nun ist eine solche Verbindungmöglich? Nur ciu einziger Weg steht dazu offen. Wirhaben oben gesehen, wie jede Gesellschaft sich auf ein mehroder weniger kompliziertes Herrschaftsvcrhältnis zurückführenläßt. Nun aber sind heute dieHalsbandmethodcn" un-möglich. Daher ist die Gesellschaft nnnmehr nur noch aufGrund gesteigerter sozialer Motive möglich. Von diesemStandpunkt ans besteht die Krisis, die wir durchmachen,darin, daß es sich heute um eineu schweren und hochbedeut-samen Schritt in jener aufsteigenden Entwicklung handelt,welche die Geschichte der Menschheit bisher darstellt. Still-stehen giebt es nicht; entweder Sturz oder Erklimmen jenerHöhe. Carlyle glaubt an das letztere,der Phönix" wirdsich besser und schöner aus seiner Asche erheben.

Hierin also liegt der Kernpunkt der sozialen Frage;ihre einzig mögliche Lösung besteht darin, daß der Indivi-dualismus, der heute die meisten beherrscht, zurückgedrängtund die altruistische Motivatiouswcise unter den Menschenwieder mächtig werde. Heute jagt alles nach dem Gelde,und wer auf die Höhen der Gesellschaft hinaufklimmt, suchtdort Genuß statt vermehrter Arbeit. Dagegen sind in allengesunden Gesellschaftszustäuden die Ehrenposten stets zugleichPosten der Schwierigkeit und der Gefahr. Carlyle ist sichdarüber klar, daß eine Änderung der Zcitanschauungeu aufdiesem Gebiete Voraussetzung aller Reformen ist.Ich würdees für überflüssig erachten, die Regierung um Heilmittel an-zugehen, wenn ich glaubte, daß der Mammonismus hinfortdas erste Prinzip unserer Existenz bleiben müsse."

*) Vergl. ?ast ancl ?rösövt, Buch IV, Kap. 1.